Wissenschaftstheorie – Handlungstheorie – Fundamentale Theologie

13. Dezember 2009

Wie ist universal solidarisches Handeln angesichts der vernichteten Opfer des geschichtlichen Prozesses überhaupt ohne Verzweiflung möglich?

Gegen Ende meines (Theologie-)Studiums habe ich mit dem Buch von Helmut Peukert, Wissenschaftstheorie – Handlungstheorie – Fundamentale Theologie, Analysen zu Ansatz und Status theologischer Theoriebildung, stb 231 (1976, 406 Seiten), kennen gelernt. Dieses seit Jahren vergriffene Buch wurde kürzlich neu aufgelegt. Da ich das Buch damals und auch zwischendurch in unterschiedlichen Zusammenhängen als sehr lesenswert empfunden habe, möchte ich ein paar Gedanken dazu äußern und  ein paar Auszüge zitieren.

Helmut Peukert löste mit seiner Dissertation (Münster) in verschiedenen theologischen Disziplinen sowie in den Sozialwissenschaften ausführliche Diskussionen aus. Ausgehend von einer umfassenden Rekonstruktion der Wissenschafts- und Handlungstheorie (der 1970er Jahre) interpretiert er diese Theorien auf dem Hintergrund der politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Seine Antwort ist die anamnetische Verfasstheit universaler Solidarität.

Ist für das Glück nicht Voraussetzung, dass das Unglück der Vorausgegangenen vergessen wird? Ist Amnesie, und zwar ein umfassender Verlust des geschichtlichen Gedächtnisses, Voraussetzung für glückliches Bewußtsein? … Wie kann man aber die endgültige, nicht revisiderbare Verlorenheit der Opfer des geschichtlichen Vorgangs, dem man sich selbst verdankt, überhaupt in der Erinnerung behalten und dabei glücklich sein, seine Identität finden? (Das Paradox der anamnetischen Solidarität, S 309).

Während des Studiums waren für mich die theologischen Theorieansätze interessant, während meines späteren Kompositionsstudiums waren es theologische Texte zur Gedächtniskultur (anamnetische Kultur). Meine Sprachkomposition (2000) mit Zitaten aus diesem Buch ist leider nie ganz fertig geworden.

Es ist die faktische Erfahrung, daß Menschen, die solidarisch zu handeln versucht haben, denen man also eigene Lebensmöglichkeiten verdankt, vernichtet wurden. (S 311)

Der Prüfstein der Gerechtigkeit sind bestimmte sozial benachteiligte Gruppen wie Witwen, Waisen, Verarmte oder Schutzbürger fremder Nationalität: „Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen … Du sollst dich daran erinnern, daß du Sklave gewesen bist in Ägypten … Die „soziale“ Dimension der prophetischen Verkündigung ist nicht sekundär. Kultkritik und Sozialkritik entsprechen sich. (Grund- und Grenzerfahrungen kommunikativen Handelns in der jüdisch-christlichen Tradition, S 319)

Diesmal werde ich die Abschnitte über die Grenzen des Formalisierens und die Grenzprobleme der kybernetischen Systemtheorie neu lesen. Und ich muss (an meinen Unterstreichungen) erkennen, dass ich über die Grundlagenprobleme der Mathematik, der Logik und der Programmierung in dieser theologischen Dissertation mehr gelernt habe als im eigentlichen Fachstudium Mathematik.

Das Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich für die theoretischen Grundlagen der Sozialwissenschaften interessieren bzw. für die theoretischen Grundlagen der Theologie. Und all jenen, die sich nicht vorstellen können, dass auch Theologie redlich wissenschaftlich betrieben werden kann. Nur für Theoriewillige!

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