Textkritik und Schöpfung

22. Februar 2009

Ein Text, der in großer Naivität gerne falsch interpretiert wird, ist die Schöpfungsgeschichte, genau genommen der erste Schöpfungsbericht, der mit den sieben Tagen. Der zweite Schöpfungsbericht ist der mit dem Lehm, der Rippe und mit Adam und Eva.

Wenn man den ersten Schöpfungsbericht literarisch etwas genauer betrachtet, läßt sich folgendes aufzählen.

  • Entstanden ist dieser Bericht zur Zeit des babylonischen Exils. Die religiöse Oberschicht wurde von den Babyloniern exiliert, die Priesterschicht hat sich im Exil mit babylonischem Denken und Wissen auseinandergesetzt und die babylonische Welt durch die Jahwe-Brille gesehen und interpretiert.
  • Es gibt viele außerbiblische Schöpfungsberichte (Gilgamesch-Eops), die durchaus ähnlich sind. Markante Abweichungen der biblischen Erzählung lassen demnach auf eine bewußte Aussage der biblischen Schöpfungsgeschichte schließen. Während im babylonischen Umfeld der Mensch geschaffen wurde, um Gott bzw. den Göttern zu dienen, ist der Mensch der jüdischen Schöpfungsgeschichte autonomes Subjekt: Er soll alles benennen, beherrschen bzw. der Schöpfung dienen. Das ist eine herrschaftskritische Position – der Mensch ist nicht ein religiöser Untertan.
  • Die Schöpfungsgeschichte ist kein naturwissenschaftlicher Bericht, sondern eher ein Epos, ein Gedicht in Strophenform mit Refrain. Der Refrain übrigens war eine der Provokationen der Autoren: ki tov, und es ist/war gut. Außerbiblische Texte interpretieren die Schöpfung durchaus als Unfall, Akt der Bosheit der Götter, die Materie als Gefängnis der Seele. Das Judentum setzt mit diesem ki tov ein eindeutiges Plus vor die Materie, das Materielle, das Irdische. Das Christentum hat in der Vermischung mit dem Griechentum diese unmissverständliche positive Sicht des Materiellen wieder aufgegeben.
  • Die erste Strophe erzählt davon, dass aus dem Anfangs-Chaos tohu wa bohu die Himmelslichter geschaffen wurden. Die Himmelslichter aber waren die babylonischen Gottheiten: Das war eine Provokation der Priesterschicht: Die babylonischen Götter wurden vom jüdischen Gott geschaffen.
  • Der Text erklärt weiters, dass die 7-Tage-Woche auf den jüdischen Gott zurückgeht. Das ist eine Provokation gegen die babylonischen Besatzer, die aus astronomischen Überlegungen den 7-Tage-Zyklus eingeführt haben.

Ich halte fest: Der erste biblische Schöpfungsbericht ist eine mehrfache Provokation: Die Schöpfung, die Materie (und damit zusammenhängend Sexualität, Essen und Trinken, Körper) ist gut. Der Mensch ist kein Untertan für religiöse und weltliche Herrscher. Die Götter Babylons sind Geschöpfe des jüdischen Gottes, die 7-Tage-Ordnung ist vom jüdischen Gott grundgelegt. Die Autor/innen und Leser/innen (auch die babylonischen) müssen diese Provokationen verstanden haben, weil sie die anderen Schöpfungstexte gekannt haben.

Dass dieser Text Jahrtausende später eine Argumentationshilfe gegen die Evolutionslehre Darwins abgeben soll, ließe die Autor/innen verständnislos den Kopf schütteln. Dass dieser Text im Religionsunterricht in Bundesstaaten der USA von den Kreationisten als naturwissenschaftlicher Gegentext unterrichtet wird, ist ein starkes Stück!

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