Die Fürbitte fürs Judentum und der prophetische Glaube

08. März 2009

Ein merkwürdiges Unverständnis im Verhältnis zum Judentum herrscht offenbar im Vatikan. Die Fürbitte für die Erleuchtung der Juden wurde wieder zugelassen. Bewußt und mit Absicht soll auf verschiedenen Ebenen der Hauch der Moderne in der römisch katholischen Kirche zurück genommen werden.

“Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen”, heißt es im neuen Wortlaut der Fürbitte für die Juden, die von nun in dem “außerordentlichen Ritus” gelten soll. Das ist diejenige Form der Messe, die Benedikt XVI. im Vorjahr wieder zugelassen hat für die Anhänger der alten Liturgie, wie sie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gefeiert wurde.
(derstandard, 15. April 2008)

Diese Fürbitte ist überheblich und arrogant, eine Hybris des römisch katholischen Christentums. Sie wurde beim zweiten vatikanischen Konzil entschärft. Die Reflexion des Verhältnisses zum Judentum aufgrund der historischen Erfahrung des Holocaust hat zur Erkenntnis der Verantwortung des Christentums für den Antisemitimus geführt.

Die Juden brauchen diese Fürbitte nicht, damit sie zum richtigen Glauben bekehrt werden. Sie haben diesen Glauben bereits, im Vatikan kapiert das offenbar niemand: Jesus war ein Jude und als solcher in der prophetischen Tradition des Judentums beheimatet. Trennende Hindernisse zum Christentum sind die dogmatische Festlegung (oder Erkenntnis) der göttlichen Wesenheit des Jesus, die Nichtbeachtung der jüdischen Gebote und die Mission.

Ich greife einen Aspekt der prophetischen Tradition heraus, die Kritik der formalen Frömmigkeit:

Ich hasse eure Feste,
ich verabscheue sie
und kann eure Feiern nicht riechen.

Wenn ihr mir Brandopfer darbringt,
ich habe kein Gefallen aneuren Gaben
und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

Weg mit dem Lärm deiner Lieder!
Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

sondern das Recht ströme wie Wasser,
die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
(Amos 5,21-24)

Wenn ich mit meinem jüdischen Freund und Schwager aus Israel über Christentum und Judentum diskutiere, kommen wir bezüglich unserer jeweiligen Religion zur gleichen Schlussfolgerung: Durch die ganze Geschichte ziehen sich zwei Richtungen (in allen Religionen), die strengen gesetzesorientierten Hartherzigen und die Barmherzigen. In der römische katholischen Kirche herrschen zur Zeit die strengen Gesetzesorientierten, Jesus ist gerade mit diesen Gruppen in Konflikt gestanden.

Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben,
ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.
(Mt 25, 35)

So schreibt Matthäus über das Weltgericht. Keine Rede ist hier vom “rechten” Glauben an Jungfrauengeburt, Empfängnisverhütung, Geburtenpolitik und Sexualmoral, Unfehlbarkeit, gehorsamer Untertänigkeit gegenüber der religiösen Hierarchie. Keine Rede vom rechten Schöpfungsglauben, Darwinismus oder Intelligent Design. Keine Rede von Antimodernismus.

Das Verhältnis zum Mitmenschen bestimmt also den Grad des jüdisch-jesuanisch-christlichen Glaubens, nicht ein theoretisches Fürwahrhalten dogmatischer Definitionen und eine formale Frömmigkeit.

Das prophetische Judentum ist eine herrschaftskritische Religion. Sie verwehrt weltlichen und religiösen Machtträgern ihren Machtanspruch. Deshalb wurden auch die frühen Christen, die außerhalb des Judentums im römischen Reich wirksam wurden, atheoi – Atheisten – genannt.

Vielleicht sollte man im Judentum lieber für die Christen fürbitten, dass sie diese gemeinsame prophetische Tradition nicht ganz vergessen! Und als Christ schäme ich mich für die Haltung des Bischofs von Rom.

Yad Vashem. Processed Videostills, 2006

Yad Vashem. Processed Videostills, 2006

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