Das Dilemma postmoderner Religiosität

03. Mai 2009

Moderne Gesellschaften sind zum Glück nicht mehr von einer Religionsinstitution dominiert. Religiöse Bedürfnisse, die es natürlich weiterhin gibt, werden heute durch den Markt der spirituellen Angebote abgedeckt.

Ein ganz wesentliches Merkmal dieser postmodernen Spiritualitäten ist ihre individuell-spirituelle Ausprägung im Gegensatz zu kirchlich-institutioneller Religion. Die individuelle Spiritualität wählt aus den Spiritualitätsangeboten des Marktes jene Aspekte, die gefällig und für das persönliche Wohlbefinden nützlich sind. Manche Spiritualitäten betonen auch die Eingebundenheit in einen allgemeinen göttlichen Kosmos.

Gesellschaftlich und politisch wirksam sind solche Spiritualitäten nicht und das ist durchaus bequem in zweifacher Hinsicht: Postmodern religiöse Menschen ersparen sich die Mühe der politischen Arbeit; die Herrschenden – heute hauptsächlich die großen Akteure des Marktes, die Ziele und Zwecke des Wirtschaftens mit Hilfe der Wirtschaftsgesetzgebung für ihre Interessen missbrauchen – werden in ihrer Herrschaftsausübung nicht gestört. Die durch die kirchlichen Institutionen tradierte prophetische Kritik an Zuständen – Jahrtausende lang ist das die (unauffällige) Rechtsbeugung und Gesetzgebung zu ungunsten Armer – gerät in Vergessenheit und wird dem postmodernen Verständnis von Religion als Privatsache geopfert.

Religion als Privatsache heißt ursprünglich, dass die Entscheidung, welche Religion jemand lebt und ob überhaupt, eine Privatsache ist. Dass Religion nur im privaten Bereich wirksam sein darf, ist damit nicht ausgesagt.

Eine der Stärken der jüdisch-christlichen Religion ist ihre theologische Entwicklung in eine herrschaftskritische Richtung. Natürlich weiß ich, dass die reale Kirchengeschichte diese theologische Entwicklung in weiten Teilen karikiert. Daher braucht es zu einer religiösen Institution mit dem Anspruch gesellschaftlicher Wirksamkeit eine starke Theologie, die diese Institution immer wieder zähmt. Das ist mühsam und gleicht der Aufgabe des Sisyphus. Aber eine Preisgabe der gesellschaftlich-kritischen Funktion von Religiosität und Spiritualität halte ich nicht für wünschenswert.

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