Musik & Gedächtnis

08. März 2010

Oliver Sacks ist für einige Bücher über Musik und neurologische Probleme bekannt. Er ist Dozent für Literatur und Neurologie. In „Der einarmige Pianist“ beschreibt er Menschen, für die Musik nach Hirnverletzung eine besondere Bedeutung erhielt.

Erschütternd und faszinierend, unvorstellbar jedenfalls, beispielsweise die Geschichte des Musikers und Musikwissenschafters Clive nach einer Gehirnkrankheit 1985: Sein Gedächtnis hält nur mehr ein paar Sekunden. Er erlebt fast jeden Augenblick neu, wie vom Koma erwacht und kann sich an nichts erinnern und keinen neuen Erinnerungsstrom aufbauen. Er wundert sich über seine täglichen Tagebucheinträge wie „diesmal endlich wach„, „richtig wach„, „vollständig wach„, „bei Bewusstsein„. Aber er kennt seine Frau und kann alltägliche Tätigkeiten verrichten. Verblüffend ist, dass er seine musikalischen Fähigkeiten erhalten hat. Er kann seinen Chor leiten(!), Klavier- und Orgelstücke auswendig oder vom Blatt nach Noten spielen oder neu einstudieren. Seine künstlerische Qualität ist vollständig erhalten geblieben. Aber lediglich bei der Ausübung von Musik kann er Zeit über eine längere Dauer erleben. Hört er mit dem Musizieren auf, fällt er aus Raum und Zeit wieder heraus und erlebt jeden Augenblick als neu, ohne Verbindung zu Vergangenheit oder Zukunft.

Oliver Sacks, Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. rowohlt, 2008.

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