Kinaesthetics Kreatives Lernen

17. September 2009

Im August 2009 habe ich an einer mehrtägigen Fortbildung zum Thema Kinaesthetics Kreatives Lernen in der Schweiz teilgenommen. Inhalt des Seminars war vor allem die eigene Bewegungskompetenz. Für mich sind auch Aspekte der Kreativität und die Relevanz für das Bildungssystem von Interesse.

Worum es in Kinaesthetics geht

Kinaesthetics hat sich aus kybernetischen Ansätzen ursprünglich für die Erweiterung von Pflegekompetenzen entwickelt. Aufgrund eines kybernetischen Verständnisses von Bewegung – wie funktioniert Bewegung eigentlich? – wurde ein neues Konzept für alltägliche Pflegehandlungen entwickelt, das den Gepflegten eine hohe Autonomie bei den Pflegehandlungen zugesteht, ihre Möglichkeiten und Kompetenzen erweitert und den Krafteinsatz der Pflegenden reduziert, der im Lauf der Berufsjahre unter anderem zu den berufsbedingten Rückenbeschwerden führt. Dabei geht es nicht um ein paar technische Kniffe, sondern um einen grundlegenden neuen Zugang zum Verständnis von (unterstützter) Bewegung. Diese Bewegungskompetenz muss durch Eigenerfahrung erlernt werden und kann dann in die Pflegearbeit integriert werden. Es gibt kaum standardisierte Techniken, weil die Personen, Bewegungseinschränkungen und Situationen der Betroffenen sehr unterschiedlich und individuell sind.

Mittlerweile verfolgt Kinaesthetics das Ziel, die Entwicklung der Bewegungskompetenz in allen Lebensphasen als hilfreich zu propagieren, besonders für das Alter, wenn manches in der gewohnten Bewegungsfähigkeit mühsamer wird und alternative Bewegungsmuster die Lebensqualität erhalten können.

Intentionen und Verlauf des Seminars

Am Beginn errichtete das gesamte Team der TeilnehmerInnen ein Tensegrity als Seminarraum, das aufgrund der „einfachen“ Errichtung und hohen Stabilität und Systemvernetzung eine entsprechende symbolische Umgebung herstellte.

Fotos: Errichten eines Tensegrity

In den Arbeitseinheiten beschäftigten wir uns mit einigen der kinaesthetischen Konzepte: Sensibel werden für die eigene Bewegung, die Anatomie unter dem Blickwinkel der Bewegung funktional sehen, eigene Bewegungsmuster verstehen, mit weniger Kraft mehr bewirken. Jeden Tag bewegten wir uns ausführlich im nahe gelegenen Bach in einer ungewöhlichen Umgebung mit Konzentration auf unsere Bewegungsabläufe, Bewegungsmuster, Anatomie – mit dem Ziel, unsere Bewegungskompetenz zu erweitern.

Fotos: Bewegung im Steine-Bach

Interessanterweise konnten wir unsere Fortschritte tatsächlich erleben und teamgestützt sogar etwas schräge Bewegungen erleben: Rolle rückwärts über einen größeren abschüssigen Stein.

Der Seminartitel

Unter Kinaesthetics Kreatives Lernen habe ich mir ursprünglich ein Kreativitätsseminar mit direkter Relevanz für kreatives Schaffen, Bildung und Lehren/Lernen vorgestellt. In diesem Sinne war der Titel vielleicht irreführend. Der Intention und Zielgruppe entsprechender wäre etwa „Kinaesthetics und die eigene Bewegungskompetenz„. Über die Zielgruppe dieses Seminars war ich mir bis zum Schluss nicht im Klaren: Erhalten habe ich ein Grundkurs-Zertifikat, teilgenommen haben aber hauptsächlich bereits ausgebildete Kinaesthetics-Trainerinnen aus dem deutschsprachigen Raum.

Übertragung ins Bildungssystem

Mit den Prinzipien von Kinaesthetics bin ich schon länger konfrontiert und ich versuche, diese Prinzipien ins Bildungssystem zu übertragen: Weniger ausgeübter Druck erzeugt weniger Gegendruck bzw. Abwehr und führt mit weniger Anstrengung zum (gleichen) Ziel. Um eine (geistige) Bewegung hervorzurufen, gibt es immer alternative Wege. Um die eigene Lernkompetenz zu erweitern, sollte man Lernmuster reflektieren und alternative Lernmöglichkeiten üben.

Der systemische Zusammenhang von Zeit-Raum-Anstrengung läßt sich ins Bildungssystem gut übertragen: Je knapper die Zeit, desto anstrengender wird Lehren und Lernen, umso weniger Bildungsraum wird ausgefüllt: Bildung braucht Zeit und Muße. Vielleicht sollten unsere „Bildungsreformer“ auch darüber nachdenken.

Bemerkenswert ist eine Erfahrung aus dem kinaesthetischen Konzept Interaktion: Bereits die Berührung an einer für den aktuellen Bewegungsablauf relevanten Stelle lenkt die eigene Aufmerksamkeit auf den Bewegungsverlauf und wirkt dadurch unterstützend – im Gegensatz zur gut gemeinten „Hilfe“ mit Krafteinsatz (Ziehen oder Drücken), die eine Bewegung oft mehr behindert als fördert. Auch diese Erfahrung wird sich ins Bildungssystem übertragen lassen: weniger Erziehen, weniger Erdrücken, dafür mehr Obacht auf die Interaktion und die Förderung selbstbestimmter (geistiger) Bewegung.

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