Katholischer Missbrauch, verweigerte Reformen, persönliches Erleben

21. März 2010

Ein paar Zitate aus Online-Medien über die Missbrauchsgeschichten in der römisch-katholischen Kirche und die mangelhaften Reaktionen. Die Zitate betreffen einerseites die nach wie vor verweigerten Reformen rund um den Themenkomplex Sexualität und Herrschaft sowie mein eigenes persönliches Erleben als Ex-Kremsmünsterer.

Der unheilige Zölibat …

Warum nennt der Papst den angeblich „heiligen“ Zölibat noch immer ein „kostbares Geschenk“ und ignoriert die biblische Botschaft, die allen Amtsträgern ausdrücklich die Ehe erlaubt? Der Zölibat „ist nicht „heilig“, nicht einmal „selig“; er ist eher „unselig“, insofern er zahllose gute Kandidaten vom Priestertum ausschließt und Scharen heiratswilliger Priester aus dem Amt vertrieben hat.

Das Zölibatsgesetz ist keine Glaubenswahrheit, sondern ein Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert, das bereits auf den Einspruch der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hin hätte aufgehoben werden sollen.

aus: Ratzingers Verantwortung, 17.03.2010, Ein Gastbeitrag von Hans Küng, Süddeutsche Zeitung

Der Alt-Kremsmünsterer Guido Tiefenthaler beschreibt letztlich auch meine persönliche Betroffenheit, die noch so schmerzlich wie nach 37 Jahren aufgebrochen ist. Ich hätte nie damit gerechnet, dass mich diese Sache noch einmal so emotional betreffen würde.

Es ist unfassbar – am allermeisten für mich selbst: Aber erst durch die Aussagen meines ehemaligen S. in den OÖN Klassenkollegen wurde es mir möglich, „Kremsmünster“ (Internat, aber auch Schule – die Präfekte waren ja auch Lehrer) so zu sehen, wie es (für mich) wirklich war: Ein System, das Kinder brach und zum Funktionieren brachte – und barmherzig zu Sadisten war. Ein System, aus dem es für zehn bis vierzehnjährige Kinder kaum ein Ausbrechen gab: Die Präfekten waren teilweise zugleich Lehrer, Chorleiter, Jungscharleiter und Beichtväter.

aus: Kremsmünster: Keine Barmherzigkeit für die Peiniger, von Guido Tiefenthaler  |  derstandard, 17. März 2010

Meine persönliche Strategie folgte einer einfachen Beobachtung: Die Lieblinge der Präfekten waren auch jene, die missbraucht und/oder geschlagen wurden. Ich habe mich also bemüht, nicht besonders aufzufallen. Im Nachhinein betrachtet habe ich diese vier Jahre ohne persönliche Geborgenheitsbeziehung zu Erwachsenen verbracht, abgesehen von den Eltern, die alle 2-3 Wochen für ein paar Stunden besucht werden konnten. Die Freundschaften zu gleichaltrigen und auch älteren Schülern haben in meinem Fall allerdings gut funktioniert.

Die kranke Doppelmoral, was die ausgelebte verbotene Sexualität betrifft:

Verlogener geht es wohl nicht. Jahrzehnte lang werden pädophile Pfarrer, sobald sie überführt wurden, einfach nur versetzt – um woanders ihr Unwesen zu treiben. Heterosexuelle Beziehungen mit Priestern werden samt der daraus entstehenden Kinder entweder verheimlicht – oder man outet sich und fliegt mit Trara aus allen Ämtern und bekommt – zumindest beruflich – die Füße nicht mehr auf den Boden. …

Die Strukturen, die solche Straftaten und ein solches hierarchisches Machtgefüge ermöglichen, gehören aufgeweicht, verändert. Und es geschieht nichts.

aus: Ein Offener Brief an den Papst, von Klaus Thaler (Lehrer im Stiftsgymnasium Kremsmünster) |  derstandard, 17. März 2010

Der strukturelle Zusammenhang zum Zölibat, der umso stärker geleugnet wird, umso höher ein Mann in der Kirchenhierarchie steht:

Nicht zu bestreiten ist zwar, dass solcher Missbrauch auch in Familien, Schulen, Vereinen und auch in Kirchen ohne Zölibatsgesetz vorkommt. Aber warum massenhaft gerade in der von Zölibatären geleiteten katholischen Kirche? Selbstverständlich ist nicht allein der Zölibat Schuld an diesen Verfehlungen. Aber er ist der strukturell wichtigste Ausdruck einer verkrampften Einstellung der katholischen Kirchenleitung zur Sexualität, wie dies auch in der Frage der Empfängnisverhütung und anderem zum Ausdruck kommt.

aus: Schafft das Zölibatsgesetz ab!, von Hans Küng | derstandard, 26. Februar 2010

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