Sie wollten eh nur provozieren

13. Mai 2009

Während der Befreiungsfeier des KZ-Mauthausen am 10. Mai 2009 kam es im ehemaligen Konzentrationslager Ebensee zu einer Neonazi-Provokation. Schwarzgekleidete vermummte Personen haben die Teilnehmer/innen der Feier – unter ihnen Überlebende des Konzentrationslagers – mit Sieg-Heil-Rufen und Hitlergruß belästigt und mit Softguns auf die Besuchergruppe geschossen.

Die Exekutive hat offenbar nicht eingegriffen, war vielleicht gar nicht anwesend. Vielleicht war sie noch erschöpft von der Polizeiaktion gegen nicht-vermummte linke Jugendliche am 1. Mai in Linz. Möglicherweise aber ist die Exekutive am rechten Auge blind.

Die ersten Reaktionen des offiziellen Österreich waren entlarvend: Die Jugendlichen wollten nur provozieren (Sicherheitsdirektor Alois Lißl), die Sache könnte dem Tourismus schaden (ein österreichischer Minister), das sei das Ergebnis gegenseitigen Aufschaukelns (Innenministerin Maria Fekter, wer bitte, ist da die Gegenseite?).

Die Schule müsse die Nazi-Zeit im Fach politische Bildung stärker behandeln, war eine der Schlussfolgerungen. Nun kann ich mir keine Schule vorstellen, in der dieses Thema heute nicht entsprechend behandelt wird. In der Schule ist es oft schon zu spät: Eine Haltung der Empathie, des Einfühlens in die Thematik, in die Opfer, lernen die Kinder im Elternhaus. Information alleine ist zu wenig. Mit 16 Jahren ist man nicht mehr so naiv, mit Hitlergruß und Uniform zu grüßen. Woher kennt man als Kind den Hitlergruß? Inwieweit sind Eltern für 14-16-Jährige strafrechtlich noch mitverantwortlich?

Die beiden größeren Parteien wetteifern um die Stimmen der Rechten. Sie haben vergessen, dass auch ihre Verteter/innen letztlich im KZ gelandet sind. Ein Parlamentarier mit Nähe zur rechtsextremen Szene wird 3. Nationalratspräsident, nahezu 30% der Wähler/innen wählen rechte Parteien mit offenen Grenzen zum Rechtsextremismus ohne dass sie das stört (Haider: Ulrichsberg, ordentliche Beschäftigungspolitik; Strache: “Paintball”-Wehrsportübungen). Wen wunderts, wenn Jugendliche daran anknüpfen? Politiker/innen brauchen nachhaltige politische Bildung. Wähler/innen auch.

Ich versetze mich in die Lage der Angegriffenen: Da haben Leute unter härtesten Bedingungen ein KZ zufällig überlebt, stellen sich (alljährlich) der psychisch sehr belastenden Situation des Besuchs “ihres” Lagers und werden dort von Sympathisanten ihrer Folterknechte mit den Symbolen des Naziterrors “begrüßt”. Und das offizielle Österreich wiegelt ab und verharmlost. Na bravo.

Der Musikwissenschafter Daniel Simon, Präsident der Vereinigung französischer Mauthausen-Überlebender

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