Kompetenzorientierte Zentralmatura

24. Oktober 2009

Österreich ist ein Obrigkeitsstaat. Reformen werden von oben verordnet und beginnen auch mit oben, nämlich – im Schulbereich – bei der Matura. Und so wird möglicherweise ganz darauf vergessen, dass für eine andere Matura der vorangegangene Unterricht anders sein muss. Eine substanzielle Änderung des Unterrichts wird sich aber nicht so ohne weiters von oben verordnen lassen, die braucht etwas Zeit und neue Erfahrungen seitens der Lehrenden (und eigentlich auch andere Schulstrukturen).

Ich beschreibe anhand meiner eigenen Entwicklung als Mathematiklehrer (BHS), was ich damit meine: Bereits am Beginn meiner Unterrichtstätigkeit (1987) wurde ich in unserer landesweiten ARGE mit der Frage des Computereinsatzes konfrontiert. Eng damit verbunden waren grundsätzliche Aspekte des Unterrichtens von Mathematik und die Frage, welche Veränderungen der Computereinsatz nach sich ziehen wird/muss. Klar ist, dass das Berechnen nach Rechenschema in den Hintergrund tritt und durch Analysieren, Experimentieren, Visualisieren und Interpretieren ersetzt wird.

Am Beispiel Finanzmathematik

Eine Schuld in bestimmter Höhe wird mit einer bestimmten Rate und einem bestimmten Zinssatz beglichen. Zu berechnen ist – im klassischen Unterricht – die Laufzeit des Kredits. Wenn man es etwas schwieriger machen will, wird mit den Rückzahlungen ein paar Jahre ausgesetzt. Bei Verwendung eines Computer Algebra Systems oder einer Tabellenkalkulation stehen andere Fragen an: Ein dynamisches Modell (Tabelle und Grafik) zu erstellen, mit dem man folgendes analysieren kann: Wie wirkt sich eine (kleine) Veränderung des Zinssatzes bei gleich bleibender Annuität auf die Laufzeit aus. Wie wirkt sich eine (kleine) Veränderung des Zinssatzes bei gleich bleibender Laufzeit auf die Rate aus? (Anders gefragt: Lohnt es sich, als Kreditnehmer um Details beim Zinssatz zu feilschen?)

Die kompetenzorientierte Aufgabe erfordert zu experimentieren und zu dokumentieren. Die Interpretation der Analysen ist aber nicht unbedingt eindeutig und muss frei formuliert werden. Und da bin ich schon neugierig, wie die vom Ministerium vorgegebenen (!) Korrekturschemata aussehen.

Die gewohnte Lehrsituation verlassen

Wenn man sich als Lehrer im Unterricht auf derlei Umstellungen einlässt, verlässt man die gewohnten Pfade, die Bereiche, in denen man ursprünglich kompetent ist und geht Unsicherheiten ein. In meinem Fall war es einfach: Erstens unterrichtete ich damals in fast allen Jahrgängen jeweils zwei Klassen Mathematik und zweitens bin ich sehr experimentierfreudig. Nach einem Fortbildungsseminar habe ich sofort die neuen Ideen und Erkenntnisse umgesetzt, in der Parallelklasse gleich wieder verbessert.

Die Unterrichtsumstellung ist auch zeitaufwändig. Die vorhandenen Schulbücher sind nicht mehr zu gebrauchen, Aufgabenstellungen, Übungsbeispiele und Lernziele müssen selbst formuliert und immer wieder angepasst werden.

Meine eigene Entwicklung habe ich mit den Kolleg/innen im Bundesland als mehrmaliger Referent bei den Fortbildungsveranstaltungen geteilt. Schlimm genug, wie wenig letztlich von den Anregungen aufgegriffen wurde. Vielleicht geht es tatsächlich nicht ohne Verordnung von oben. Die Art der vorgegebenen zentralen Aufgaben wird entscheiden, ob es ein Anstoss nach vorne oder nach hinten wird.

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