Beobachtungen und Schlussfolgerungen eines Reifeprüfenden

29. Juni 2010

Ein für mich als Pädagoge interessanter Aspekt meiner Arbeit ist es, junge Leute bei der Entwicklung zu Persönlichkeiten zu beobachten. Die öffentliche Reifeprüfung stellt (meist) den vorläufigen Abschluss dieser beobachteten Entwicklung dar.

Bei der schriftlichen Reifeprüfung war eine gemischte Aufgabenstellung aus Multimedia, Webdesign und Softwareentwicklung zu bewältigen. In meinem Bereich habe ich eine Fragestellung mit einer Mischung aus Gestaltung (CSS), interaktiven Elementen (Javascript) und Datenbankprogrammierung (PHP) entwickelt. Um sehr gute Leistungen von durchschnittlichen unterscheiden zu können, gibt es bei immer auch einen Bereich, der Kombination gelehrter Aspekte und ein bisschen eigenständige Ansätze erfordert. Was man brav lernen kann, wurde großteils bewältigt, eigenständige Anwendungen der Kenntnisse schaffen nur wenige.

Nach den ersten beiden von vier Tagen der mündlichen Reifeprüfung komme ich zu folgender Wahrnehmung: Ein meiner Meinung nach zu hoher Anteil der Schüler/innen zeigt eine mangelnde Bereitschaft bzw. Fähigkeit zur Reflexion. Dafür wird gerne „Wissen“ reproduziert, wenn auch teilweise oberflächlich. Lernende verwenden Begriffe, ohne eine Vorstellung von deren Bedeutung zu haben: Burka, Frauenquote (!), Ehevertrag, Obsorge, Unterhalt, Vektorgrafik, … Ich frage mich, welche Konsequenzen das auch für meinen eigenen Unterricht haben muss: mehr Individualisierung des Unterrichts mit gleichzeitig stärkerer Betonung der Eigentätigkeit von SchülerInnen im Erwerb von Wissen und Kompetenzen mit Anleitung und Betreuung während des Unterrichts.

Ein merkwürdiges Ereignis möchte ich noch erwähnen: Nach 25jähriger Dienstzeit und etwa 23 Jahren als Reife-Prüfender habe ich wieder einmal davon geträumt, selbst die Matura ablegen zu müssen. Und zwar nicht in meinen Fächern, sondern im Fach Rechnungswesen. Thema war das Erklären des Bilanz-Schemas mit Aktiva und Passiva. Erfreulicherweise habe ich die Matura bestanden, da ich als Geschäftsführer der Neuen Energie GmbH jährlich mit unserer Bilanz befasst bin und sie dem Beirat der atypisch stillen Gesellschafter vorstellen muss. Klar hat mich das gefreut.

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4 Antworten zu “Beobachtungen und Schlussfolgerungen eines Reifeprüfenden”

  1. niko sagt:

    du hast vollkommen recht, kritische reflexion kommt leider in der HAK (wahrscheinlich in den meisten schulen) zu kurz. aber wie soll das auch vermittelt werden, wenn es sogar nicht wenigen lehrerInnen an reflexionsvermögen fehlt. aber die anekdoten kennst du ja 😉

  2. Simon Voggeneder sagt:

    Hallo Johann!

    Was ist der ‚deiner Meinung nach zu hohe Anteil‘ an den Schülern, die reflektionsschwach sind?

    Ich denke, dass man dies relativieren muss im Kontext eines sehr dicht gepackten Lehrplanes über fünf Jahre hinweg. In diesen fünf Jahren erkennt man immer mehr die eigenen Stärken und Schwächen (so sollte es zumindest sein) und wird sich in Fächern, die dem eigenen Interesse weniger entsprechen wohl darauf beschränken, das bisher Gehörte zu rezitieren.

    Dennoch verstehe ich deinen Standpunkt, dass sich ein wacher Geist kritisch mit der ihm präsentierten Information auseinander setzen und die Fähigkeit besitzen, ihre Wahrheit zu verifizieren muss. Daran mangelt es meiner Erfahrung nach zunehmend. Sich selbst darf man dabei natürlich nie ausnehmen.

  3. johann moser sagt:

    Hallo Simon! Danke für deinen Kommentar!

    Der Anteil reflexionsschwacher Schüler/innen ist schwer zu fixieren, weil die Grenzen fließend sind. Sagen wir 50-80%.

    Zu deinen Anmerkungen: Ich bin deiner Meinung, dass im Unterricht mit der Argumentation „Lehrplan“ zuviel Pseudowissen vermittelt wird. Dadurch wird (vom System und von den Lehrkräften) der Blick aufs Wesentliche verstellt. Das ist – welch Ironie – durchaus im Interesse vieler Schüler/innen. Denn es ist oft einfacher, etwas auswendig zu lernen als darüber nachzudenken. Ich erinnere mich noch ein Erlebnis im Unterricht, das wird jetzt etwa 15 Jahre her sein: Eine (hervorragende) Schülerin im Maturajahrgang – ich hatte die Klasse erst im letzten Jahrgang in Mathe übernommen – hat nach ein paar Monaten in einer Wortmeldung ihren Unmut folgendermaßen ausgedrückt: „Wir haben in der Schule noch nie denken müssen, bei Ihnen müssen wir denken, das ist eine Zumutung.“ Ja, das verflixte erste Mal! Aus ihr sprach die Unsicherheit, ob sie im Vergleich zu bisher auch so sicher ihr „Sehr gut“ schaffen würde.

    Ich berücksichtige, dass die Prüfungssituation ungenehm sein kann. Die Maturant/innen sind aber zu wenig auf ein „Gespräch“ eingestellt, schreiben oft mehrere Seiten in der Vorbereitungszeit und wollen dann nicht aus dem Konzept (vorlesen) gebracht werden. Wahrscheinlich aber gab es zuwenig oder keine „Fachgespräche“ in den vorangegegangenen Unterrichtsjahren.

    Über deinen zweiten Einwand habe ich schon öfter geschrieben: Ich bin davon überzeugt, dass unser Bildungssystem weniger auf die Schwächen und viel mehr auf die Stärken der Schüler/innen setzen sollte. Und von der Fehlerfixierung abgehen muss.

    Und jetzt drei Prüfungserlebnisse etwas genauer:

    1. Wenn in der österreichischen Innenpolitik gerade von der gemeinsamen Obsorge im Scheidungsfall die Rede ist, sollte man darüber Bescheid wissen, wenn man freiwillig (aus Interesse am Fach?) in Rechtslehre maturiert. Und den Begriff „Obsorge“ kennen.

    2. Wenn man im Fach Kultur über Frauenpolitik lernt, sollte man den Begriff „Frauenquote“ verstehen – welchen Sinn sollte ansonsten das Abwägen von Argumenten pro und contra Frauenquote haben?

    3. Wenn man in Multimedia (oder Webdesign) Pixel- und Vektorgrafik beschreibt, sollte man den Begriff Vektor kennen. Zugegeben, in Mathe haben wir nicht Vektorrechnung, sondern Matrizen, der Begriff Vektor kommt also nur am Rande vor und wenn man sich vielleicht nicht für Mathe oder Physik begeistert, nimmt man den Begriff nicht zur Kenntnis. In Multimedia wurde der Begriff möglicherweise nicht genauer erklärt. Aber was spricht dagegen, nachzufragen, wie Vektorgrafik wirklich funktioniert? Ich jedenfalls werde stärker als bisher darauf achten, neue Begriffe noch stärker zu erklären, obwohl ich glaube, das jetzt schon zu tun. Übrigens: Der Maturantin wurde dieses Manko nicht angerechnet, der Vorsitzende hat mit mir über die Verankerung des Begriffs „Vektor“ in unsen Fächern diskutiert.

  4. Simon Voggeneder sagt:

    Hallo Johann,

    dein Erlebnis mit dieser Schülerin ruft Erinnerungen bei mir zurück. Ich habe die Matura bei manchen Schülern als ‚geschobene Partie‘ verstanden – Leute, die ausgezeichnete Noten bekommen haben, obwohl ihre Schwäche sofort evident wurde, sobald man sie aus dem Schema des auswendig gelernten Stoffes gedrängt hatte.

    Im Biologieunterricht war der Aufschrei auch groß, als die Aufgabe darin bestand, eigenständig zu recherchieren und Wissen zusammenhängend präsentieren zu müssen – als Benotungsgrundlage. Damit war nicht nur ich überfordert. Allerdings ist das Bildung – nicht das Auswendiglernen von vorgefertigten Wissensbrocken.

    Arbeit an Schwächen ist Privatsache. Arbeit an Stärken Aufgabe der Schule. Ich denke nicht, dass beides Platz im engen Zeitplan der modernen Schule hat. Was das Pseudowissen angeht, stimme ich dir zu. Was habe ich mir aus der Schulzeit gemerkt? Hauptsächlich die Tatsache, dass ich meine Sprachenkompetenz aus genau einem Jahr Unterricht bei einem ausgezeichneten Lehrer schöpfe und dass Rechnungswesen / BWL auch in einem Unterrichtsjahr vermittelt werden kann.

    Der Rest waren Raumfüller, um fünf Jahre voll zu machen.

    Schade, dass die Schule heute so wenig Substanz hat. Obwohl die Schüler immer noch immenses persönliches Wachstum aufweisen können in diesen wenigen Jahren.

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