Woher kommt die Ordnung?

04. Oktober 2009

Im Darwin-Jahr noch ein Beitrag zum Verständnis von Schöpfung und Evolution. Bei Gregory Bateson* (1904-1980) habe ich in seinem Werk Ökologie des Geistes (Suhrkamp 1985)** einen interessanten Aufsatz gefunden. Ich zitiere die für mich zentrale Stelle:

Die außerordentliche Leistung der Verfasser des ersten Kapitels der Genesis (Anmerkung: 7-Tage-Schöpfungsbericht) bestand in der Wahrnehmung des Problems: Woher kommt die Ordnung? Sie beobachteten, daß das Land und das Wasser in der Tat geschieden war und daß es getrennte Spezies gab; sie sahen, daß eine solche Scheidung und Aufteilung im Universum ein grundlegendes Problem darstellte. In moderner Terminologie könnte man sagen, daß es sich dabei um das Problem handelt, das im Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik angelegt ist: Wenn zufällige Ereignisse dazu führen, daß sich Dinge vermischen, durch welche nicht-zufälligen Ereignisse kam es dann dazu, daß die Dinge eine Ordnung annahmen? Und was hat man unter einem „zufälligen“ Ereignis zu verstehen? (Über Hirnlosigkeit bei Biologen und Erziehungsministerien, in: Ökologie des Geistes, S 441)

Bateson ärgert sich in seinem Aufsatz über das kalifornische Erziehungsministerium, das die anti-evolutionäre Politik betrieb, ein fundamentalistisches Verständnis des Schöpfungsberichts im Biologie-Unterricht (!) vorzuschreiben. Er ärgert sich aber auch über die Evolutionsbiologen, die nicht differenziert genug darauf reagieren: In Würdigung der geistigen Leistung, die dem biblischen Schöpfungsverständnis zugrunde liegt, propagiert er eine Evolution der Evolutionstheorie. Der biblische Schöpfungsbericht sei damit der Beginn der Evolutionstheorie, weil er postuliert, dass nicht immer alles statisch so war wie es ist, sondern im Laufe der Zeit  entstanden ist bzw. geschaffen wurde. Es geht ihm nicht um die Frage, wer recht hat und wer unrecht hat, sondern darum, wie Menschen im Lauf der Zeit mit Erkenntnis-Problemen umgegangen sind und welche Antwortversuche sie gegeben haben.

In einem früheren Beitrag habe ich über die Absicht des ersten Schöpfungsberichts geschrieben und insofern möchte ich Gregory Bateson etwas modifizieren: Die Verfasser des ersten Schöpfungsberichts greifen bereits auf Vorstellungen von Schöpfung und Ordnung in ihrer Umgebung (Babylonisches Exil) zurück. Die eine Leistung ist tatsächlich die Frage nach der Herkunft von Ordnung. Die andere Leistung ist aber die Ent-Theokratisierung von religiöser (und damit irdischer) Herrschaft. Denn der Zweck des Menschen liegt nach diesem Schöpfungsbericht ausdrücklich nicht in der Verehrung der (babylonischen) Götter (in Form der Verehrung seiner religiösen Vertreter auf Erden), sondern in der Autonomie der Menschen.


* Gregory Bateson wird von Evolutionstheoretikern mit Charles Darwin verglichen, von Psychotherapeuten mit Sigmund Freud. Bateson hat Daten, Erkenntnisse und Erfahrungen aus Biologie, Soziologie, Linguistik, Geschichte, Psychologie, Kybernetik und Kunst verglichen und ihre Strukturen und Entwicklungsprozesse analysiert.

** Achtung: Die Aufsätze in diesem Buch sind sehr anspruchsvoll und schwierig zu lesen.

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