Willkürliche Festsetzungen: Taschner täuscht uns

11. Januar 2011

Eine merkwürdige Argumentation verfolgt uns seit der Jahrtausendwende. Mathematiker und andere gescheite Leute verkündeten Ende 1999, dass das neue Jahrtausend erst 2001 beginne und wir daher ein Jahr zu früh die Jahrtausendwende feierten. Argumentiert wird mit dem nicht vorhandenen Jahr Null. Sogar dem „Mathematiker der Nation“, Rudolf Taschner, passiert dieser Fehler.

Am 1. Jänner 2011 beginnt nicht bloß ein neues Jahr, ein neues Jahrzehnt hebt an. Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende beginnen immer mit einem Jahr, das 1 als Einerziffer besitzt. Denn es hat kein Jahr null gegeben: Auf das Jahr 1v.Chr. folgte das Jahr 1n.Chr.

Rudolf Taschner, Willkürliche Festsetzungen – oder: Warum das Jahr im Jänner beginnt, „Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.12.2010.

Die Argumentation mit dem Jahr Null ist irreführend und führt zum falschen Ergebnis. Wenn wir Zeiträume in Perioden (Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende) einteilen, so geschehen diese Abstufungen aufgrund unseres Dezimalsystems und wir „feiern“ damit eigentlich den 10er-Sprung, den 100er-Sprung bzw. den 1000er-Sprung. Das Besondere am Dezimalsystem ist, dass trotz des linearen Fortschreitens das Zählen wieder von vorne beginnt, zumindest in der Einerstelle. Nach 9 kommt 10 (Achtung Herr Taschner, die Einerstelle beginnt mit der Null und nicht mit der Eins!), nach 19 kommt 20 (und wiederum beginnts von Null), bis zur 99. Der Jahrhundertwechsel ist so toll, weil die beiden letzten Stellen wechseln (und wieder bei Null beginnen) und die Hunderter-Stelle um 1 weiterzählt. Und noch toller war daher der Jahrtausendwechsel von 1999 auf 2000!

Die wilden 60er Jahre werden wohl 1960 begonnen haben, das Jahr 1970 ist dem Namen nach bereits ein 70er-Jahr. Und natürlich haben die 10er-Jahre 2010 begonnen und nicht erst 2011. Das sind unsere Jahrzehnte.

Ebenso machen wir es bei unseren Geburtstagen. Die runden Geburtstage feiern wir mit 20, 30, 40, 50, 60 etc und nicht mit 21, 31, etc., weil wir zwar uns feiern, aber die Einteilung aus dem Dezimalsystem nehmen. Das Zählen beginnt mit Null und vielleicht sollten wir das den Kindern bereits im Vorschulalter lernen: Null (= kein Finger), 1 (= 1 Finger) usw.

Basierte unser Zählen auf einem Zahlensystem mit anderer Basis, beispielsweise der Sieben, so würden wir andere Einteilungen wählen: nach der 6 käme dann die 10, dann 11 bis 16, dann 20. Wir könnten öfter „runde“ Gedenktage begehen. Die „Jahrsiebte“ wären kürzer als die „Jahrzehnte“, wir würden mit 49 Jahren bereits das Alter „100“ anzeigen!

Ich erinnere mich noch gut eine diesbezügliche Diskussion mit dem Musikphilosophen Leo Dorner an der Bruckner Uni in Linz: Er war erleichtert, dass ich ihm für Sylvester 1999 das Feiern der Jahrtausendwende empfohlen habe.

Fazit: Das Jahr Null ist für die Einteilung nicht von Bedeutung und die falsche Argumentation, wir zelebrieren den Positionswechsel im Zahlensystem. Lediglich dem ersten Jahrzehnt (Jahrhundert, Jahrtausend) hat ein Jahr gefehlt. Das hat damals niemand bemerkt, weil man damals noch nicht so gezählt hat.

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