Evaluierung im Bildungssystem

30. April 2009

Seit ein paar Jahren ist von der Evaluierung des Unterrichts die Rede. Unklar ist allerdings, wer oder was evaluiert wird. Evaluierung im Bildungssystem ist nicht automatisch eine Evaluierung der Lehrkräfte – die sind nur ein Teil des Systems. Die anderen Teile sind zumindest die Eltern (Bildungsbewußtsein, gesellschaftlicher Status, vorschulische Erziehung), die Kinder, die Gesellschaft (u.a. Medienkonsum) und das Schulsystem (Schulstruktur, Bildungspolitik, Bildungsbudget).

An meiner Schule wird seit Jahren (online) evaluiert. SchülerInnen geben klassenweise durchschnittliche (!) Lehrerbewertungen ab, anhand von Kontrollfragen sieht man absurde Ergebnisse: Der gleiche Fragebogen wird im Folgejahr für unverständlicher gehalten als ein Jahr zuvor. Die Ergebnisse können schwer ernst genommen werden. Die Schulleitung kritisiert dann durchschnittliche Bewertungen und vergleicht sie mit noch durchschnittlicheren Landesbewertungen. SchülerInnen sagen, dass ihnen beim Thema Evaluation das Stichwort Kritik einfällt und sie beim Evaluieren an ihre negativen Lehrererfahrungen denken. Wenn die Aufgabe wenigstens wäre, eine aus Schülersicht gute und eine schlechte Lehrkraft zu bewerten und zu gewichten, wie viele ihrer LehrerInnen sie jeweils als gut oder schlecht einschätzen. Dann könnte man zum Durchschnitt noch ein Abweichungsmaß definieren und bessere Schlüsse ziehen. So ist halt der Wasserkübel lauwarm, als Durchschnitt eines Kübels mit heißem und eines Kübels mit kaltem Wasser.

Abgesehen von diesen unsinnigen Durchschnitten wurden die Ergebnisse bisher grafisch nicht besonders sinnvoll ausgewertet. Ich warte noch immer auf das bessere Netzdiagramm anstelle der schlecht skalierten Säulen. Die grafische Darstellung der Evaluation könnte man ja bereits den Schulen downloadbar zur Verfügung stellen. Außerdem sind manche Fragen unbrauchbar, weil sie sich zu oft auf traditionelle Unterrichtskonzepte beziehen.

Ich erinnere mich an eine Studie über die Wirksamkeit des Mathematik-Unterrichts für das Verständnis vernetzter Zusammenhänge. Die Studie ist über ein Schuljahr gelaufen, am Beginn wurde der Eingangslevel der SchülerInnen extern getestet, ohne dass ich über Testfragen und die Absicht der Studie Bescheid wußte. Am Jahresende wurde die Klasse noch einmal extern getestet: Mit den schlechtesten Eingangsbedingungen der teilnehmenden Schulen erzielten meine SchülerInnen nach einem Jahr Unterricht das beste Ergebnis. Die Klasse wurde mir nach diesem Jahr weggenommen, und zwar vermutlich deswegen, weil jemandem in der Schulhierarchie mein unkonventioneller Zugang zur Pädagogik nicht gepasst hat. Dieser Zugang aber war maßgeblich für meinen Unterrichtserfolg.

Indem Eingangs- und Ausgangslevel gemessen wurde, konnte tatsächlich etwas über den Unterrichtserfolg ausgesagt werden. Wenn nur die Endergebnisse getestet werden, sagt das lediglich etwas über die SchülerInnen aus, über das soziokulturelle Umfeld der Schule, über unspezifische Rahmenbedingungen und auf diese Weise kann der Unterrichtserfolg einer Lehrkraft nicht gemessen oder verglichen werden.

Aus diesem Grund kann ich auch mit PISA nichts anfangen: Was hilft mir ein Gesamtergebnis – Teilergebnisse erfahren wir sowieso nicht, weil sie schulpolitisch möglicherweise zu brisant sind. Ich kann mir immer denken, dass meine SchülerInnen besser abschneiden würden. PISA-Ergebnisse können für die einzelne Lehrkraft keine Handlungsanleitung geben. Vermutlich fühlen sich die engagierten und erfolgreicheren Lehrkräfte besonders betroffen und glauben dann, noch besser werden zu müssen.

Eine andere Frage ist, wer eigentlich bestimmt, was man unter Bildung verstehen will. Im Fall der oben erwähnten Studie über den Mathematik-Unterricht habe ich besonders gut abgeschnitten, weil das Thema die Fähigkeit der SchülerInnen war, systemdynamisches Denken zu verstehen. Das ist eines meiner besonderen Anliegen und daher lernt man das bei mir. Fragte man auswendig gelernte Differentiale, komplizierte Integrationsmethoden oder im Schulunterricht unnötige Doppelbruch- oder Wurzelgleichungen, sähe das Ergebnis gleich anders aus.

Fazit: Wer meint, Evaluation in der Schule (so wie sie derzeit stattfindet) ist Bewertung der LehrerInnen, irrt.

Öffentliche Projektpräsentation, Matura 2008.

Öffentliche Projektpräsentation, Matura 2008. Die gelungenen Präsentationen nach längerer Unterrichtsarbeit sind auch eine Art von Unterrichts-Feedback.

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