Archiv für März 2010

Autoritäre und sexuelle Kirchen-Gewalt

Sonntag, 14. März 2010

Die Veröffentlichung des Missbrauchs an Gewalt und Sexualität im Stift Kremsmünster hat mich nach Jahrzehnten an meine dort verbrachten Jahre erinnert. Ich frage mich, warum mich das noch so aufwühlt, da ich ja von sexuellem Missbrauch verschont blieb. Der “andere” Zorn eines Altkremsmünsterers von Josef Christian Aigner im heutigen Standard hat mir die Augen geöffnet. Es war auch die ständige Angst vor der sadistischen Gewalt. Dazu kommt der Zorn auf die Art der Reaktion der heutigen Kirchenvertreter: Herr Kardinal, die Kirche hat strukturellen Handlungsbedarf, halbherzige Entschuldigungen sind unbrauchbar. Ich zitiere diesmal etwas ausführlicher:

… Dinge wie sadistische Strafpraktiken, Trommelfellverletzungen durch Ohrfeigen, büschelweise ausgerissene Haare, schwärzeste Pädagogik also, Einer-für-alle-Strafen und alles, “was Gott verboten hat” – zumindest seit der Aufklärung. All das habe ich in Kremsmünster auch erlebt. Und diese Praktiken entstammen derselben Quelle wie die sexuellen Übergriffe: einem veralteten, menschenfeindlichen System von Autorität und Unterwerfung, von Vertuschen und Verleugnen, wie es in Teilen kirchlicher Organisationen zumindest bis damals an der Tagesordnung war. Die fast ausschließliche moralistische Besinnung auf den verdammten (!) Sex ist indirekt auch ein Vergessen jener Opfer, denen nicht sexuell nahegetreten wurde und die dennoch schlimme Dinge hinnehmen mussten. …

Die eigentlichen “Urheber” der Misere aber sind jene kirchlichen Würdenträger bis zu jenen nach Rom, die bis heute dieses allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zuwiderlaufende Theater um die menschliche Sexualität, aber auch um Macht, Autorität und Unterwerfung aufrechterhalten und weiter verteidigen. An erster Stelle meine ich hier Bischöfe wie Laun, Küng, Krenn oder Fischer, von denen ich im Rahmen der Diskussionen um die Sexualerziehung schon vor Jahrzehnten teilweise haarsträubende Dinge und menschenfeindliche Ansichten gehört habe. Aber auch ein Kardinal Schönborn ist mit gemeint, wenn er etwa die “68-er Karte” aus dem Hut zieht, als ob eine Bewegung zur Abschaffung der schlimmsten angsteinflößenden Repressalien gegen sexuelles Erleben und gegen autoritäre Anmaßungen Schuld an den Auswüchsen genau dieses repressiven Systems sein soll!?

Der “andere” Zorn eines Altkremsmünsterers

Josef Christian Aigner/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010). Josef C. Aigner ist Erziehungswissenschafter und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Innsbruck.

Kein persönliches Problem, sondern ein strukturelles. 4 von 6 Patres, mit denen ich im Internat zu tun hatte, gehören zu den Tätern. Das ist keine Minderheit, das sind keine Einzelfälle. Das ist eine Konsequenz des autoritären patriarchalischen Systems.

Die römisch katholische Kirche ist das Symbol für diese autoritären Systeme. Sie argumentiert – natürlich wirr und verbogen  – mit Hilfe der höchsten Instanz die Legitimität solcher Systeme.

Hier geht’s um das zugrunde liegende Menschen- und Gesellschaftsbild. Das ist keine katholische Spezialität, aber etwas, das die kath. Kirche mit Zähnen und Klauen verteidigt. Christoph Baumgarten, permalink, 13.03.2010 07:37 Posting auf standard.at zu Josef Aigners Artikel.

Erziehung in einer engen, autoritären (Männer-)Institution ist per se skandalanfällig. (Die Struktur des Missbrauchs, rau/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010).

Ich erweitere: Kirche als autoritäre (Männer-)Institution ist per se skandalanfällig.

Good church – bad church

Freitag, 12. März 2010

Das globale Finanzsystem wird von einer Weltsicht dominiert, die anderswo schon überholt ist.

Es fehlt der aufklärende, korrigierende Einfluss unabhängiger Stimmen bei der Risikobewertung. (DieZEIT, Neue Wächter für die Banken, 9.3.2010, in Zusammenhang mit der Finanzkrise)

Beide Aussagen über das Finanzsystems gelten auch für die römisch katholische Kirche. Wenn Kardinal Schönborn angesichts der Flut an Vorwürfen über sexuellen Missbrauch durch Kirchenleute jetzt selbst den Zölibat zur Diskussion stellt, so greift das längst zu kurz.

Das Hauptproblem sind die autoritären Führerstrukturen, die eine Kritik und Korrektur der Hierarchie und der kirchlich-religiösen Autorität verhindern. Das  kranke Verhältnis vieler Kirchenmänner zur Sexualität ist eine weitere Facette der Tatsache, dass die Kirche “nicht von dieser Welt” ist. Beides hängt miteinander zusammen: Der Gebrauch von religiöser Autorität ermöglicht den sexuellen Missbrauch, der offizielle Umgang mit Sexualität zieht sexuell gestörte Charaktere an und fördert das Entstehen sexueller Störungen.

Trotz 2. Vatikanischen Konzils hat sich an der autoritär-zentralistischen kirchlichen Struktur nichts geändert, das Konzil wurde nicht ehrlich und konsequent genug verfolgt, seit Johannes Paul II sogar gezielt gestört.

Für die römisch katholische Kirche sehe ich einen einzigen Ausweg.

  • Es braucht eine Art Gewaltenteilung zwischen den Bereichen Sozial- und Seelsorge, Theologie, Verwaltung sowie eine kirchenrechtlich nachhaltig geklärte Präsenz der kirchlichen Zivilgesellschaft
  • und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Zentrum und Basis (Bischofswahl durch die Gläubigen, Dechantenwahl im Dekanat).
  • Eine radikale Reform des Priesterseins: kein Pflichtzölibat für Weltpriester, Frauenpriestertum, Ende der Fixierung auf die Sexualität als zentralen “Glaubens”inhalt, Ende der Fixierung auf Kleriker.

Das Kardinalskollegium wird seit Johannes Paul II systematisch gleichgeschaltet. Papst Benedikt hat 2001 die strikte Geheimhaltung von Missbrauchsfällen angeordnet.  Der Fisch stinkt vom Kopf. Die Hierarchie ist zu einer Reform der Strukturen nicht in der Lage.

Ich empfehle die Gründung einer bad church, mit einem Großteil der Hierarchie und jenen, die noch nicht in der heutigen Welt angekommen sind, um diese bad church dann kontrolliert in die Bedeutungslosigkeit zu versenken. Aus der verbleibenden good church kann sich dann wieder etwas entwickeln, was sich Kirche nennen darf.

Meine Kindheit hat mich heute eingeholt

Donnerstag, 11. März 2010

Meine Kindheit hat mich heute eingeholt. Ich habe als 10-14jähriger in den frühen 1970er Jahren Schule und Internat der Benediktiner in Kremsmünster besucht. Heute sind (vorerst) drei Patres von ihren Tätigkeiten zurückgetreten. Ich habe alle 3 erlebt. Zum Glück nicht so intensiv wie andere.

Kommentare zu: Missbrauchs-Vorwurf gegen Patres in Kremsmünster (nachrichten.at, 11.3.2010)

Die Postings früherer Internatsschüler von Kremsmünster in den OÖN online zeigen mir heute, dass all das, was wir vermuteten, was uns (auch damals schon*) komisch vorkam, gegeben hat. Ich bezweifle keine einzige der Aussagen: sadistische Gewalt, sexuelle Übergriffe, pädagogische Inkompetenz und die Arroganz der religiösen Autorität.

Mir sind heute die Tränen gekommen, wie ich die Postings über die Brutalität des Pater Alfons gelesen habe. Wir waren alle Zeugen solcher Demütigungen. Auch die anderen genannten Patres habe ich so erlebt, wie sie die Postings beschreiben. Pater F. hat mit dem Schlüsselbund zugeschlagen, Pater B. erinnere ich mit Fahne und Hand in der Hose, der “lässige” Jesus-liebt-dich-Pater N. war an Jähzorn kaum zu übertreffen, Pater L. saugrob und zynisch.

Meine damalige Angst vor diesen “Erziehern” ist wieder hochgekommen und ich bin dankbar dafür, dass ich aufsässig genug war um aus dem Internat hinausgeworfen zu werden, aufsässig genug, dass sich niemand an mir vergriffen hat.

Mit 14, lange Haare trotz Verbots.

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* Als Entschuldigung wird von betroffenen Tätern gerne beschwichtigt, dass man das damals anders gesehen hätte. Das stimmt sicher nicht auf der Opfer-Seite: Wir haben auch als Kinder gemerkt, dass da was nicht stimmt, dass brutale Gewalt und körperliche Zudringlichkeit nicht in Ordnung sind. Wir hatten aber keine Möglichkeit zur Aussprache: Im Internat sowieso nicht, die Eltern waren weit weg und wir konnten damals Sexualität und Missbrauch noch nicht richtig thematisieren.

Musik & Gedächtnis

Montag, 08. März 2010

Oliver Sacks ist für einige Bücher über Musik und neurologische Probleme bekannt. Er ist Dozent für Literatur und Neurologie. In “Der einarmige Pianist” beschreibt er Menschen, für die Musik nach Hirnverletzung eine besondere Bedeutung erhielt.

Erschütternd und faszinierend, unvorstellbar jedenfalls, beispielsweise die Geschichte des Musikers und Musikwissenschafters Clive nach einer Gehirnkrankheit 1985: Sein Gedächtnis hält nur mehr ein paar Sekunden. Er erlebt fast jeden Augenblick neu, wie vom Koma erwacht und kann sich an nichts erinnern und keinen neuen Erinnerungsstrom aufbauen. Er wundert sich über seine täglichen Tagebucheinträge wie “diesmal endlich wach“, “richtig wach“, “vollständig wach“, “bei Bewusstsein“. Aber er kennt seine Frau und kann alltägliche Tätigkeiten verrichten. Verblüffend ist, dass er seine musikalischen Fähigkeiten erhalten hat. Er kann seinen Chor leiten(!), Klavier- und Orgelstücke auswendig oder vom Blatt nach Noten spielen oder neu einstudieren. Seine künstlerische Qualität ist vollständig erhalten geblieben. Aber lediglich bei der Ausübung von Musik kann er Zeit über eine längere Dauer erleben. Hört er mit dem Musizieren auf, fällt er aus Raum und Zeit wieder heraus und erlebt jeden Augenblick als neu, ohne Verbindung zu Vergangenheit oder Zukunft.

Oliver Sacks, Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. rowohlt, 2008.

Über den Faschismus lernen?

Sonntag, 07. März 2010

Zwei Themen dieser Woche haben mich beschäftigt. Sie spielen in der gleichen Zeit, den späten 60er und frühen 70er Jahren.

Die aktuellen Berichte über sexuellen Missbrauch in katholischen Schulen in Deutschland sind erschütternd. Es wird von systematischen sexuellen Vergehen berichtet, quasi bestellt nach Stundenplan, vermischt mit autoritärer körperlicher Gewalt. Unsagbar widerlich. Ich erinnere mich an meine eigene Zeit 1969-1973 als 10-14-Jähriger in einem katholischen Internat.

Die Bundespräsidentschafts-Kandidatin Barbara Rosenkranz von der FPÖ hat Probleme, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Sie argumentiert mit ihrer mangelnden schulischen Bildung in den 60er und 70er Jahren.  Das führt mich wieder ins Internat, zum Geschichte-Unterricht. Ich reflektiere mein eigenes historisches Lernen:

Inhaltlich sind wir (1973) bis zu Besuch Nixons in China 1972 gekommen. Als Präfekt eines Internatsjahrgangs las uns der Geschichtelehrer täglich – in Fortsetzung – aus historischen Büchern vor, ich erinnere mich an einen Roman über die französische Revolution. Jährlich zum Nationalfeiertag hielt er als Historiker des Stifts eine Rede, die die politischen Verwerfungen in Europa seit und nach dem Faschismus zum Inhalt hatte. Die Plädoyers für Freiheit und Demokratie standen in Zusammenhang mit dem Engagement für ein befreundetes Kloster in Polen und haben mich zutiefst bewegt.

Wir haben im Unterricht auch etwas über den Nationalsozialismus gelernt, wenn auch nicht so ausführlich, wie das heute der Fall ist. Meine Erinnerung daran ist überlagert von meiner späteren Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Ich durfte Zeitzeugen kennen lernen, beispielsweise Freya von Moltke in Berlin bei einem Seminar über den Widerstand im Nationalsozialismus. Sie war mit ihrem Mann Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945), der 1945 hingerichtet wurde, im Widerstand gegen Hitler.

Seit ich im Mühlviertel lebe (1986), besuche ich mit meiner Familie die jährliche Befreiungsfeier im ehemaligen KZ Mauthausen. Ich habe in Israel die Gedenkstätte Yad Vashem besucht und viele Bücher gelesen.

Wir haben die Freiheit, dazu zu lernen. Es gibt keinen Grund, sich auf das Schulwissen der 60er-Jahre auszureden, wenn es um die Frage der Einstellung zum Nazionalsozialismus geht. Wenn das eine Bundespräsidentschafts-Kandidatin trotzdem macht, drückt sie damit aus, dass sie entweder einfältig ist und/oder mit dem Nazionalsozialismus sympathisiert. Unsagbar widerlich.

Befreiungsfeier in Mauthausen, Mai 2009

Befreiungsfeier in Mauthausen, Mai 2009