Wieviel sind 10% von 100?
08. Juli 2009Update: Hier finden Sie die Lösung.
Erschütternde Erfahrungen bei zwei Aufnahmeprüfungen in Rechnen (den Begriff Mathematik verwende ich lieber nicht). Nachdem die schriftliche Aufnahmeprüfung bereits an ähnlichen Fragestellungen scheiterte, wollte ich im mündlichen Prüfungsgespräch die Denkweise und Lernfähigkeit von zwei 14-Jährigen ergründen.
Bei “10% von 200?” erntete ich Kopfschütteln, bei “10% von 100?” wurde zuerst 90 und dann 50 geraten. Die Antwort 90 deutet ja wenigstens auf falsch auswendig Gelerntes hin. Ich wollte es mit einer anderen “Sprache” versuchen: “fifty-fifty bei 100, was ist das?” führte zum Erfolg, “fifty-fifty von 200″ war bereits unlösbar.
Bei 5% von 100 erhielt ich wenigstens den Versuch eines Bruchterms 5*100/100, der nach mühsamen Versuchen des Kürzens das Ergebnis 2 (!) brachte. Erklärungsversuch der Kandidatinnen: Das habe ich nicht gelernt. Ähnliche Ergebnisse bei einfachen Schlussrechnungen.
Was passiert da in acht Jahren Grundschule? Was ist mit einem Teil unserer Jugend eigentlich los? Wie muss Schule gedacht werden, dass so etwas nicht passieren kann? Oder bin ich ein unrealistischer Träumer?
09. Juli 2009 um 00:13
Nun, ich musste kurz lachen. Aber eigentlich ist es traurig, das zu lesen.
Ich maße mir an, das schon vor dem Erreichen des 14. Lebensjahres beherrscht zu haben. Traurig, dass es manchen Leuten mit 14 Jahren immer noch so schwer fällt, ganz einfache Brüche auszurechne. Dabei rechne ich noch nicht einmal richtig. Ich stelle mir die Mengen graphisch vor und kann mir so durch Assoziation die Aufgaben so kürzen, dass sie sich von selbst beantworten (sozusagen ein assoziatives Array im Kopf: 5, 10, [...] für % von 100 in 5er-Schritten, für Vielfache von 100 ist dann nur noch Indizierung und Multiplizierung, mit einer denkbar niedrigen asymptotischen Laufzeitkomplexität, um in der Sprache der Informatik zu sprechen).
Ich bin der Meinung, dass der Stoff einfach falsch gelehrt wird. Er ist zu wenig greifbar und nur die wenigen Schüler (die ‘Talent’ haben, was tatsächlich aber darin besteht, sich Zahlen eben in anschaulichen Mengen visuell zu merken) tun sich leicht. Tatsächlich müssten sich alle Schüler in Mathematik leicht tun.
Bildungspolitik, wo bist du?
Liebe Grüße
Simon Voggeneder
09. Juli 2009 um 00:36
Naja Simon, das Lachen ist mir heute wieder einmal vergangen. Wahrscheinlich wird es auch falsch gelehrt, mit diesem blöden Schlussrechnungs-Schema (auch beim Prozentrechnen), anstatt es sich vorzustellen. Das Pech ist halt, dass bei drei Schemata die Chance auf richtiges Raten nur 1:3 ist.
Dass man “intellektuell” so daneben sein kann, geht nicht in mein Hirn. Aber wir müssen davon ausgehen, dass ich heute nicht die einzigen beiden vor mir hatte. Gehen wir von 10% (!) bis 20% der Jugendlichen aus, die diese Probleme haben. Dann wird auch verständlich, warum wir bei politischen Wahlen solche Ergebnisse haben: irgendwann muss man ja “recht(s)” haben!
09. Juli 2009 um 00:40
Bemerkenswert ist die hohe Besucherzahl dieses Artikels bereits nach ein paar Stunden. Darf ich vermuten, dass viele Leute “Wieviel sind 10% von 100?” googeln und dann auf meine Seite kommen? Da hätte ich doch wenigstens das richtige Ergebnis erwähnen sollen! Oder wie soll ich mir das sonst vorstellen?
09. Juli 2009 um 02:00
Es könnte natürlich auch sein, dass die bemerkenswert hohe Besucheranzahl daher rührt, dass dieser Artikel von Sebastian via facebook verlinkt wurde – so habe ich zumindest hierher gefunden (und finde diesen Artikel, nebst anderen bildungspolitisch kritischen, sehr interessant!).
Lachen kann ich darüber auch nur einen Moment, dann wird mir bewusst, wie prekär die Lage eigentlich um unser Bildungssystem bestellt ist. Da gehen Leute mindestens neun (!) Jahre in die Schule, um dann etwas nicht zu beherrschen, was bei makelloser Bildung durch das Lehrpersonal meiner Meinung nach wenigen Jahren (ausgehend von einem Nichtverständnis des Zahlensystems als solches) bereits bombenfest sitzen müsste. Tatsächlich könnte man ein solches Wissen in intensiven Blöcken (ohne Lernfrust) bereits binnen Monaten verinnerlichen. Gehirn-gerechte Lernmethoden machen es möglich! Aber ich überspanne den Bogen mit dieser visionären Aussage sicher ein wenig – gewollt.
Wenn ich 10 bis 20 % der Jugendlichen mit solchen Problemen sehe, dann sehe ich dahinter ein gewaltiges Potential zur Massenverdummung, wenn sich so etwas durch die Wissensgebiete zieht. Politisch ist das nicht unbedingt von Bedeutung, wie ich finde (ich gebe zu, selbst auch mehrere Wahlen rechts gewählt zu haben, im Denken, ich würde mich dort eher wiederfinden – davon bin ich mittlerweile abgekommen), jedoch äußert es sich in sehr un-bewussten Handlungen des Alltags. Steuerung durch die Medien finde ich hier sehr viel bedenklicher als den politischen Impact (wobei die beiden Themen ja stark zusammenhängen, Hans Dichand ist ja der Quasi-Kaiser der Republik Österreich geworden).
Zum Thema selbst: Ich habe mich eine Weile als Nachhilfelehrer angeboten, für verschiedenste Fächer. Vor allem Rechnungswesen war populär und ich durfte mit Schülerinnen (keine männlichen Kandidaten darunter) von 14 bis 19 Jahren arbeiten. Ich war immer wieder erstaunt darüber, wie wenig ‘Hausverstand’ mitgebracht wird. Für mich ist es glasklar, dass 20% von 4000 800 sind. Für mich ist es glasklar, dass, wenn ich einmal 200 Euro dazu rechne und dann wieder 200 Euro abziehe, nicht das Rechnen anfange sondern einfach den Ursprungsbetrag hinschreibe. Die Mädels zückten da ernsthaft den Taschenrechner.
Ich muss ehrlich zugeben, dieser Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Ich bin froh, es nicht mehr zu machen, da ich mich innerlich immer furchtbar geärgert habe – einerseits, dass die Kinder es nicht verstehen, andererseits, dass ich es ihnen nicht vermitteln konnte. Aber wie soll ich in wenigen Stunden das aufholen, was binnen vieler Schuljahre verabsäumt wurde? Moderne positive Psychologie meint ja, man soll nach dem scheinbar Unerreichbaren greifen, doch es gibt Grenzen, was man binnen einer gewissen Zeitspanne an einem Menschen an Veränderung bewirken kann.
Am Schlimmsten finde ich immer noch den nachhaltig erloschenen Forscherfunke in den Burschen und Mädchen, denen ich begegne. Wo ist sie hin, die einstmalige lodernde Begeisterung, Neues zu entdecken, zu erforschen und zu verstehen? Schule von heute ist in erster Linie ein Motivationskiller. Da ist anzusetzen. Und dann wird sich der Rest in meinen Augen auch von selbst lösen.
Mit deinem Unterricht (falls ich dich mittlerweile duzen darf
) setzt du ja bereits Akzente in diese Richtung, so weit ich mich erinnern kann. Ein Ausblick auf ein lohnbringendes Ziel und selbstdenkendes Arbeiten in diese Richtung, mit gezielter Motivation, ohne destruktiv-niederschmetternde Kritik. Dass die Lernkurve anfangs flach ist, hat ein Pädagoge meiner Meinung nach einfach zu verstehen. Das ist die Natur des Lernens, es ist ein Schneeballsystem.
Um es auf den Punkt zu bringen, möchte ich mit folgenden Worten schließen:
Ignite a spark and feed the flame.
That’s all that’s to it, in any endeavour ever commited throughout the history of mankind.
Liebe Grüße
Simon
06. August 2009 um 15:29
Heute kaufte ich im Weltladen zwei Packerl Tee á 4,45€. Auf meinen angebotenen 10 Euro Schein reagierte die junge Verkäuferin unsicher. Sie musste erst den Taschenrechner suchen. Was soll man da sagen bzw. denken?