Über das Abprallen von Kritik

15. Februar 2009

Die Kritik prallt an mir ab, sie ist mir egal. (Weihbischof Wagner zur Kritik an seiner Person)

Bei der Überlegung, was genau mich eigentlich am neuen Linzer Weihbischof stört, bin ich an diesem Zitat hängengeblieben. Unabhängig von der Person möchte ich über diesen Satz reflektieren.

Kritik prallt an mir ab kann heißen: ich bin resistent gegen Beratung, ich bin resistent gegen neue Erkenntnisse, ich will (und werde) nichts dazu lernen, ich habe bisher nichts dazu gelernt. Weil mich diese Aussage in Zusammenhang mit kirchlich-theologischen Aspekten stört, beziehe ich mich auf kirchlich-theologische Zusammenhänge:

Im Rahmen des Theologie-Studiums wurde ich beispielsweise in den wissenschaftlichen Umgang mit (literarischen) Texten eingeführt: Wenn ich einen (biblischen) Text lese und interperiere, habe ich unter anderem zu beachten, in welcher Zeit, von welchem Autor, in welcher Absicht, für wen, in welcher literarischen Gattung er geschrieben wurde. Ich muss vergleichen, ob es ähnliche gleich alte oder ältere Texte gibt. Selbstverständlich verwendet die Theologie als Wissenschaft Methoden der Literaturwissenschaft, um die eigenen (Glaubens-)Texte besser zu verstehen. Die römisch katholische Theologie verwendet diese Methoden erst seit etwa dem 2. Vatikanischen Konzil, die Basis in der Bibelwissenschaft (Fundamental-Exegese) wurde von protestantischen Theologen geschaffen.

An drei studentische Reaktionstypen auf diesen wissenschaftlichen Umgang mit biblischen Texten kann ich mich erinnern: Die einen sind fasziniert von der Vielfalt der Fragestellungen, vom inhaltlichen Reichtum und den neuen Erkenntnissen. Andere lernen das alles brav, weil sie alles brav lernen, ohne sich damit persönlich weiter zu entwickeln. Wieder andere hadern damit, dass die Theologie ihren Glauben zerstören wolle. Das sind die, an denen die Kritik abprallt. Kritein kommt aus dem Griechischen und heißt prüfen. Die Textkritik prüft die Texte und ob unsere Textinterpretation den Texten gerecht ist. Die Textkritik als Methode muss abprallen, damit der naive Kinderglaube gewahrt werden kann, damit Glaube und Denken vormodern bleiben können.

Und genau das charakterisiert diese konservativen Kirchenleute: Sie nennen sich orthodox im Gegensatz zu den Liberalen (die den Glauben angeblich nicht ganz ernst nehmen) und sind eigentlich pseudodox, vor-gläubig, weil sie die zeitgemäßen Erkenntnisse über die biblischen Texte nicht in ihren Glauben und ihr Denken intergrieren wollen und können. Und die Liberalen sind die eigentlichen Orthodoxen, die wirklich Gläubigen!

Wenn ich jene, die noch keinen Zugang zum modernen Denken haben, als vor-modern bezeichne, muss ich die pseudodoxen Kirchenleute genaugenommen anti-modern nennen, das ist noch schlimmer, weil es eine bewußte Entscheidung gegen Glauben auf der Höhe der Zeit ist. Schlimm genug, wenn jetzt wieder genau jene Personen in kirchliche Ämter gehievt werden.

Wenn die Kritik an mir abprallt und Textkritik nicht greifen darf, dann kann ich auch getrost jeden theologischen Unsinn verzapfen, kann ich ein Unglück als Strafe Gottes deuten ohne dabei rot zu werden, ohne mich zu schämen und brauche über Kritik nicht nachdenken. Wie praktisch!

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