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Eine Karikatur christlichen Glaubens

Sonntag, 07. Februar 2010

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, manche Vorgänge in der katholischen Kirche nicht mehr zu kommentieren. Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Aber es muss raus: Der Glaube, dass das Erdbeben in Haiti eine Strafe Gottes für den Voodoo-Kult sei, ist einfach zu lächerlich. Eine Karikatur des christlichen Glaubens. Und dieser kleingläubige Amtsträger missachtet hier ganz bewusst in der Hybris der Frommen das zweite Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich bereits über die theologische Einfalt dieses Möchtegern-Bischofs geschrieben:

… dann kann ich auch getrost jeden theologischen Unsinn verzapfen, kann ich ein Unglück als Strafe Gottes deuten ohne dabei rot zu werden, ohne mich zu schämen …
in: Über das Abprallen von Kritik

Diese kleingläubige Haltung mag magischem und esoterischem Denken entsprechen, will Angst vor Strafe machen, aber christlich ist sie nicht. Auch mit dem Alten Testament des Judentums kann man diese Haltung nicht rechtfertigen. Dazu die Erinnerung an zwei alttestamentarische Geschichten:

Der Prophet Jona ärgert sich, dass Jahwe die Stadt Ninive nicht zerstören will, wenn zumindest eine Handvoll “Gerechter” zu finden sei. Die wird’s wohl auch – sogar nach Meinung von G.M.Wagner – in Haiti geben!

Das Buch Hiob entlarvt die Vorstellung der frommen Freunde Hiobs von einem Gott, der Hiob für irgendwas bestraft.

Halten wir fest: Die Rede von der Strafe Gottes ist in jüdisch-christlicher Tradition seit Jahrtausenden (!) theologischer Schwachsinn. Kirchenleute, die so denken (und reden) vertreten keine orthodoxe Lehrmeinung, sondern einen magischen Aberglauben.
in: Infantiler Glaube

Amtsträger wie der Genannte sollten eigentlich längst abtreten: Ich versteh’s nicht besser, aber ich stehe einer glaubwürdigen Kirche nicht länger im Weg. Das wär doch was.

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Was feiern wir zu Weihnachten?

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Die Beziehung des Göttlichen zum Irdischen/Menschlichen wurde und wird unterschiedlich gedacht bzw. erlebt. Im Griechentum existiert (verkürzt dargestellt) der Götterhimmel voller Götter mit zutiefst menschlichen Eigenschaften, die mit den Menschen an sich nichts am Hut haben, eifersüchtig ihre eigene Unsterblichkeit hüten und Menschen eher als Objekt der Begierde sehen. Mit dieser Vorstellung vom Göttlichen nimmt man als Mensch die Sphäre des Göttlichen nicht so ernst, entschuldigt eigene Schwächen und hadert mit der eigenen Sterblichkeit.

Oder elitäre bzw. autoritäre Vorstellungen einer Erlösung von oben herab: ein (allmächtiger und allgütiger) Herrscher soll die Welt retten. Dieses Denkkonzept lagert die Verantwortung für die Welt auf Autoritäten aus. Die Geschichte mit einem guten Diktator funktioniert aber nicht. Ähnlich unattraktiv ist für mich die Konstruktion der Unnahbarkeit des Göttlichen.

Die Vorstellung der Inkarnation (Menschwerdung, Fleischwerdung) des Göttlichen in der menschlichen Person Jesu denkt anders: nicht als Herrscher, sondern in armen Bedingungen zur Welt gekommen heißt, auch das Geringfügige, Arme, Unspektakuläre der menschlichen Existenz wertzuschätzen. Die göttliche Beziehung zum Menschen ist im Juden-Christentum keine Herrschaftsbeziehung. Das weitere Leben des Jesus bestätigt diesen Ansatz. Gesellschaftlich elitäre Vorstellungen lassen sich mit diesem Konstrukt nicht legitimieren.

Auch wenn manches historisch nicht gesichert ist, entspricht der Geist der Weihnachtserzählung der herrschaftskritischen religiösen Haltung der jüdischen Propheten und versinnbildlicht eine bestimmte Einstellung gegenüber der menschlichen Existenz und der Beziehung zum Göttlichen. Besser könnte man diese Geschichte nicht erfinden. Das Religiöse läßt sich im ursprünglichen judenchristlichen Sinn nicht für Herrschaft missbrauchen.

So gesehen ist Weihnachten zurecht eines der großen Feste des Christentums. Das real existierende Christentum konnte diesen Anspruch allerdings nicht deutlich genug verwirklichen.

(Fehlendes) Foto: Weihnachten 2009 bei den Mosers. Patrick und Deborah aus Uganda mit Tochter Jemima, unsere Freundin Hatice aus Freistadt, Hermine, Hans, Sebastian und Nikolai.

Wissenschaftstheorie – Handlungstheorie – Fundamentale Theologie

Sonntag, 13. Dezember 2009

Wie ist universal solidarisches Handeln angesichts der vernichteten Opfer des geschichtlichen Prozesses überhaupt ohne Verzweiflung möglich?

Gegen Ende meines (Theologie-)Studiums habe ich mit dem Buch von Helmut Peukert, Wissenschaftstheorie – Handlungstheorie – Fundamentale Theologie, Analysen zu Ansatz und Status theologischer Theoriebildung, stb 231 (1976, 406 Seiten), kennen gelernt. Dieses seit Jahren vergriffene Buch wurde kürzlich neu aufgelegt. Da ich das Buch damals und auch zwischendurch in unterschiedlichen Zusammenhängen als sehr lesenswert empfunden habe, möchte ich ein paar Gedanken dazu äußern und  ein paar Auszüge zitieren.

Helmut Peukert löste mit seiner Dissertation (Münster) in verschiedenen theologischen Disziplinen sowie in den Sozialwissenschaften ausführliche Diskussionen aus. Ausgehend von einer umfassenden Rekonstruktion der Wissenschafts- und Handlungstheorie (der 1970er Jahre) interpretiert er diese Theorien auf dem Hintergrund der politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Seine Antwort ist die anamnetische Verfasstheit universaler Solidarität.

Ist für das Glück nicht Voraussetzung, dass das Unglück der Vorausgegangenen vergessen wird? Ist Amnesie, und zwar ein umfassender Verlust des geschichtlichen Gedächtnisses, Voraussetzung für glückliches Bewußtsein? … Wie kann man aber die endgültige, nicht revisiderbare Verlorenheit der Opfer des geschichtlichen Vorgangs, dem man sich selbst verdankt, überhaupt in der Erinnerung behalten und dabei glücklich sein, seine Identität finden? (Das Paradox der anamnetischen Solidarität, S 309).

Während des Studiums waren für mich die theologischen Theorieansätze interessant, während meines späteren Kompositionsstudiums waren es theologische Texte zur Gedächtniskultur (anamnetische Kultur). Meine Sprachkomposition (2000) mit Zitaten aus diesem Buch ist leider nie ganz fertig geworden.

Es ist die faktische Erfahrung, daß Menschen, die solidarisch zu handeln versucht haben, denen man also eigene Lebensmöglichkeiten verdankt, vernichtet wurden. (S 311)

Der Prüfstein der Gerechtigkeit sind bestimmte sozial benachteiligte Gruppen wie Witwen, Waisen, Verarmte oder Schutzbürger fremder Nationalität: “Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen … Du sollst dich daran erinnern, daß du Sklave gewesen bist in Ägypten … Die “soziale” Dimension der prophetischen Verkündigung ist nicht sekundär. Kultkritik und Sozialkritik entsprechen sich. (Grund- und Grenzerfahrungen kommunikativen Handelns in der jüdisch-christlichen Tradition, S 319)

Diesmal werde ich die Abschnitte über die Grenzen des Formalisierens und die Grenzprobleme der kybernetischen Systemtheorie neu lesen. Und ich muss (an meinen Unterstreichungen) erkennen, dass ich über die Grundlagenprobleme der Mathematik, der Logik und der Programmierung in dieser theologischen Dissertation mehr gelernt habe als im eigentlichen Fachstudium Mathematik.

Das Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich für die theoretischen Grundlagen der Sozialwissenschaften interessieren bzw. für die theoretischen Grundlagen der Theologie. Und all jenen, die sich nicht vorstellen können, dass auch Theologie redlich wissenschaftlich betrieben werden kann. Nur für Theoriewillige!

Woher kommt die Ordnung?

Sonntag, 04. Oktober 2009

Im Darwin-Jahr noch ein Beitrag zum Verständnis von Schöpfung und Evolution. Bei Gregory Bateson* (1904-1980) habe ich in seinem Werk Ökologie des Geistes (Suhrkamp 1985)** einen interessanten Aufsatz gefunden. Ich zitiere die für mich zentrale Stelle:

Die außerordentliche Leistung der Verfasser des ersten Kapitels der Genesis (Anmerkung: 7-Tage-Schöpfungsbericht) bestand in der Wahrnehmung des Problems: Woher kommt die Ordnung? Sie beobachteten, daß das Land und das Wasser in der Tat geschieden war und daß es getrennte Spezies gab; sie sahen, daß eine solche Scheidung und Aufteilung im Universum ein grundlegendes Problem darstellte. In moderner Terminologie könnte man sagen, daß es sich dabei um das Problem handelt, das im Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik angelegt ist: Wenn zufällige Ereignisse dazu führen, daß sich Dinge vermischen, durch welche nicht-zufälligen Ereignisse kam es dann dazu, daß die Dinge eine Ordnung annahmen? Und was hat man unter einem “zufälligen” Ereignis zu verstehen? (Über Hirnlosigkeit bei Biologen und Erziehungsministerien, in: Ökologie des Geistes, S 441)

Bateson ärgert sich in seinem Aufsatz über das kalifornische Erziehungsministerium, das die anti-evolutionäre Politik betrieb, ein fundamentalistisches Verständnis des Schöpfungsberichts im Biologie-Unterricht (!) vorzuschreiben. Er ärgert sich aber auch über die Evolutionsbiologen, die nicht differenziert genug darauf reagieren: In Würdigung der geistigen Leistung, die dem biblischen Schöpfungsverständnis zugrunde liegt, propagiert er eine Evolution der Evolutionstheorie. Der biblische Schöpfungsbericht sei damit der Beginn der Evolutionstheorie, weil er postuliert, dass nicht immer alles statisch so war wie es ist, sondern im Laufe der Zeit  entstanden ist bzw. geschaffen wurde. Es geht ihm nicht um die Frage, wer recht hat und wer unrecht hat, sondern darum, wie Menschen im Lauf der Zeit mit Erkenntnis-Problemen umgegangen sind und welche Antwortversuche sie gegeben haben.

In einem früheren Beitrag habe ich über die Absicht des ersten Schöpfungsberichts geschrieben und insofern möchte ich Gregory Bateson etwas modifizieren: Die Verfasser des ersten Schöpfungsberichts greifen bereits auf Vorstellungen von Schöpfung und Ordnung in ihrer Umgebung (Babylonisches Exil) zurück. Die eine Leistung ist tatsächlich die Frage nach der Herkunft von Ordnung. Die andere Leistung ist aber die Ent-Theokratisierung von religiöser (und damit irdischer) Herrschaft. Denn der Zweck des Menschen liegt nach diesem Schöpfungsbericht ausdrücklich nicht in der Verehrung der (babylonischen) Götter (in Form der Verehrung seiner religiösen Vertreter auf Erden), sondern in der Autonomie der Menschen.


* Gregory Bateson wird von Evolutionstheoretikern mit Charles Darwin verglichen, von Psychotherapeuten mit Sigmund Freud. Bateson hat Daten, Erkenntnisse und Erfahrungen aus Biologie, Soziologie, Linguistik, Geschichte, Psychologie, Kybernetik und Kunst verglichen und ihre Strukturen und Entwicklungsprozesse analysiert.

** Achtung: Die Aufsätze in diesem Buch sind sehr anspruchsvoll und schwierig zu lesen.

Ein Gotteslästerer?

Sonntag, 31. Mai 2009

Dass meine Anmerkungen das Kreuz mit dem Kreuz offenbar topaktuell sind, belegt der aktuelle Bericht in der Zeitschrift DIE ZEIT vom 20. Mai 2009, Ein Gotteslästerer? Von Thomas Assheuer.

Unbegreiflich: Dem muslimischen Schriftsteller Navid Kermani wurde der Hessische Kulturpreis aberkannt. Kardinal Lehmann und der Protestant Steinacker halten ihn für einen Feind des Kreuzes.

In seinem Buch Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran, C.H. Beck Verlag, meditiert Kermani über eine Kreuzigungsszene des Barockmalers Guido Reni und artikuliert unter anderem das Unbehagen am Kreuz, das auch der Apostel Paulus bereits als Ärgernis für die Juden und eine Torheit für die Heiden beschrieben hat.

Die beiden ökumenischen Kirchenleute Lehmann und Steinacker scheinen Kermanis Buch allerdings gar nicht gelesen zu haben. Sonst hätten sie bemerkt, dass er als Muslim ihnen sogar bei der Reflexion der Kreuzestheologie einiges voraus hat:

Kermani entdeckt noch etwas anderes in dem Blick des Gekreuzigten, nämlich einen untröstlichen Zweifel an der göttlichen Gerechtigkeit. Für ihn zeigt Renis Bild etwas ganz Ungeheures, es zeigt eine metaphysische Revolte – das Aufbegehren des Sohnes gegen den Vater. Jesus, der Gottverlassene, leidet am Schöpfer. … Einen klügeren, einfühlsameren und verständigeren Interpreten als diesen muslimischen Intellektuellen hätten sich die Kirchen nicht wünschen können.

(aus: Ein Gotteslästerer? Die Zeit)

Es ist und bleibt ein Kreuz mit dem Kreuz. Höchste Zeit, dass sich auch christliche Würdenträger wieder ein wenig mit den Wurzeln des eigenen Glaubens beschäftigen. Wenn irgend möglich theologisch fundiert und ohne die üblichen kulturkonservativen Reflexe.

Der Schriftsteller Navid Kermani

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