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Der müde Papst und die strukturelle Sünde

Sonntag, 18. April 2010

Papst Benedikt XVI. hat sich auf seiner Reise nach Malta zum Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche geäußert. Die Kirche sei “verletzt durch unsere Sünden”, sagte der Pontifex … Jeder Christ sei dazu aufgerufen, mit seinem Glauben die “zahlreichen Bedrohungen gegen die Heiligkeit des menschlichen Lebens” einzudämmen.
“Kirche verletzt durch unsere Sünden”
(derstandard, 18.4.2010)

Na Bravo. Vielleicht sollte Herr Ratzinger von den Befreiungstheologen lernen, die er früher bekämpft hat: Da gibt es in der Kirche die Rede von der strukturellen Sünde, von falschen Strukturen. Diese strukturelle Sünde beschreibt Verhältnisse jenseits der individuellen Schuld. Sie meint im Kontext der Befreiungstheologie vorrangig ungerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen. Im Kontext des Vatikan liegt es nahe, die Heilige Herrschaft und die ganze Haltung zur Sexualität als strukturelle Sünde zu benennen.

Abgesehen von der Individualisierung von Unrecht spielt Ratzinger hier das alte Spiel: Die Kirche ist das Opfer der missbrauchenden Priester. Warum geht sie dann nicht in Beratung und Therapie?

Individuell wird die Schuld, wenn jemand die Möglichkeit bzw. Macht nicht hat, sündhafte Strukturen zu ändern und sie nicht nutzt. Aber vielleicht wartet der Papst auf ein Machtwort Gottes. Ich fürchte, da werden wir noch lange warten müssen.

Die Körperhaltung des Papstes: Verkörperung des Zustands der Kirche?

Passion. Kunst. Theologie

Sonntag, 04. April 2010

In der Vor-Osterzeit häufen sich Angebote hochwertiger religiöser Kunst. Ich habe unter anderem eine Aufführung von Gunter Waldeks Stabat Mater im Alten Dom in Linz erlebt. Neben Texten aus der Passionsgeschichte werden in dieser Komposition Texte von Nelly Sachs, Oda Schaefer, Christine Lavant, Giaconda Belli, Ingeborg Bachmann, Else Lasker-Schüler und Christine Busta verklanglicht.

Ich bin durchaus davon überzeugt, dass die Menschen … sich von der Thematik der Passion berühren lassen … vielleicht nicht unbedingt in einem religiösen Sinne, aber zumindest auf einer spirituellen Ebene. (Gunter Waldek)

Sakrale Kunst beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit zentralen Fragen der menschlichen Existenz. Die existentielle Betroffenheit der KomponistInnen hat die Musik und ihre Entwicklung massiv beeinflusst. Musik und Bildende Kunst wären ohne diese spirituellen Werke ein großes Stück ärmer.

Neben der sozialen Dimension der christlichen Religiosität ist es für mich besonders die religiöse Kunst, wofür es sich lohnt, Glaube und Religion (und damit auch Kirche) trotz aller Mängel auf der Ebene der Hierarchie nicht abzuschreiben.

Gunter Waldek, Bild: Bruckneruniversität

Gunter Waldek, Bild: Bruckneruniversität

Eine Karikatur christlichen Glaubens

Sonntag, 07. Februar 2010

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, manche Vorgänge in der katholischen Kirche nicht mehr zu kommentieren. Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Aber es muss raus: Der Glaube, dass das Erdbeben in Haiti eine Strafe Gottes für den Voodoo-Kult sei, ist einfach zu lächerlich. Eine Karikatur des christlichen Glaubens. Und dieser kleingläubige Amtsträger missachtet hier ganz bewusst in der Hybris der Frommen das zweite Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich bereits über die theologische Einfalt dieses Möchtegern-Bischofs geschrieben:

… dann kann ich auch getrost jeden theologischen Unsinn verzapfen, kann ich ein Unglück als Strafe Gottes deuten ohne dabei rot zu werden, ohne mich zu schämen …
in: Über das Abprallen von Kritik

Diese kleingläubige Haltung mag magischem und esoterischem Denken entsprechen, will Angst vor Strafe machen, aber christlich ist sie nicht. Auch mit dem Alten Testament des Judentums kann man diese Haltung nicht rechtfertigen. Dazu die Erinnerung an zwei alttestamentarische Geschichten:

Der Prophet Jona ärgert sich, dass Jahwe die Stadt Ninive nicht zerstören will, wenn zumindest eine Handvoll “Gerechter” zu finden sei. Die wird’s wohl auch – sogar nach Meinung von G.M.Wagner – in Haiti geben!

Das Buch Hiob entlarvt die Vorstellung der frommen Freunde Hiobs von einem Gott, der Hiob für irgendwas bestraft.

Halten wir fest: Die Rede von der Strafe Gottes ist in jüdisch-christlicher Tradition seit Jahrtausenden (!) theologischer Schwachsinn. Kirchenleute, die so denken (und reden) vertreten keine orthodoxe Lehrmeinung, sondern einen magischen Aberglauben.
in: Infantiler Glaube

Amtsträger wie der Genannte sollten eigentlich längst abtreten: Ich versteh’s nicht besser, aber ich stehe einer glaubwürdigen Kirche nicht länger im Weg. Das wär doch was.

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Was feiern wir zu Weihnachten?

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Die Beziehung des Göttlichen zum Irdischen/Menschlichen wurde und wird unterschiedlich gedacht bzw. erlebt. Im Griechentum existiert (verkürzt dargestellt) der Götterhimmel voller Götter mit zutiefst menschlichen Eigenschaften, die mit den Menschen an sich nichts am Hut haben, eifersüchtig ihre eigene Unsterblichkeit hüten und Menschen eher als Objekt der Begierde sehen. Mit dieser Vorstellung vom Göttlichen nimmt man als Mensch die Sphäre des Göttlichen nicht so ernst, entschuldigt eigene Schwächen und hadert mit der eigenen Sterblichkeit.

Oder elitäre bzw. autoritäre Vorstellungen einer Erlösung von oben herab: ein (allmächtiger und allgütiger) Herrscher soll die Welt retten. Dieses Denkkonzept lagert die Verantwortung für die Welt auf Autoritäten aus. Die Geschichte mit einem guten Diktator funktioniert aber nicht. Ähnlich unattraktiv ist für mich die Konstruktion der Unnahbarkeit des Göttlichen.

Die Vorstellung der Inkarnation (Menschwerdung, Fleischwerdung) des Göttlichen in der menschlichen Person Jesu denkt anders: nicht als Herrscher, sondern in armen Bedingungen zur Welt gekommen heißt, auch das Geringfügige, Arme, Unspektakuläre der menschlichen Existenz wertzuschätzen. Die göttliche Beziehung zum Menschen ist im Juden-Christentum keine Herrschaftsbeziehung. Das weitere Leben des Jesus bestätigt diesen Ansatz. Gesellschaftlich elitäre Vorstellungen lassen sich mit diesem Konstrukt nicht legitimieren.

Auch wenn manches historisch nicht gesichert ist, entspricht der Geist der Weihnachtserzählung der herrschaftskritischen religiösen Haltung der jüdischen Propheten und versinnbildlicht eine bestimmte Einstellung gegenüber der menschlichen Existenz und der Beziehung zum Göttlichen. Besser könnte man diese Geschichte nicht erfinden. Das Religiöse läßt sich im ursprünglichen judenchristlichen Sinn nicht für Herrschaft missbrauchen.

So gesehen ist Weihnachten zurecht eines der großen Feste des Christentums. Das real existierende Christentum konnte diesen Anspruch allerdings nicht deutlich genug verwirklichen.

(Fehlendes) Foto: Weihnachten 2009 bei den Mosers. Patrick und Deborah aus Uganda mit Tochter Jemima, unsere Freundin Hatice aus Freistadt, Hermine, Hans, Sebastian und Nikolai.

Wissenschaftstheorie – Handlungstheorie – Fundamentale Theologie

Sonntag, 13. Dezember 2009

Wie ist universal solidarisches Handeln angesichts der vernichteten Opfer des geschichtlichen Prozesses überhaupt ohne Verzweiflung möglich?

Gegen Ende meines (Theologie-)Studiums habe ich mit dem Buch von Helmut Peukert, Wissenschaftstheorie – Handlungstheorie – Fundamentale Theologie, Analysen zu Ansatz und Status theologischer Theoriebildung, stb 231 (1976, 406 Seiten), kennen gelernt. Dieses seit Jahren vergriffene Buch wurde kürzlich neu aufgelegt. Da ich das Buch damals und auch zwischendurch in unterschiedlichen Zusammenhängen als sehr lesenswert empfunden habe, möchte ich ein paar Gedanken dazu äußern und  ein paar Auszüge zitieren.

Helmut Peukert löste mit seiner Dissertation (Münster) in verschiedenen theologischen Disziplinen sowie in den Sozialwissenschaften ausführliche Diskussionen aus. Ausgehend von einer umfassenden Rekonstruktion der Wissenschafts- und Handlungstheorie (der 1970er Jahre) interpretiert er diese Theorien auf dem Hintergrund der politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Seine Antwort ist die anamnetische Verfasstheit universaler Solidarität.

Ist für das Glück nicht Voraussetzung, dass das Unglück der Vorausgegangenen vergessen wird? Ist Amnesie, und zwar ein umfassender Verlust des geschichtlichen Gedächtnisses, Voraussetzung für glückliches Bewußtsein? … Wie kann man aber die endgültige, nicht revisiderbare Verlorenheit der Opfer des geschichtlichen Vorgangs, dem man sich selbst verdankt, überhaupt in der Erinnerung behalten und dabei glücklich sein, seine Identität finden? (Das Paradox der anamnetischen Solidarität, S 309).

Während des Studiums waren für mich die theologischen Theorieansätze interessant, während meines späteren Kompositionsstudiums waren es theologische Texte zur Gedächtniskultur (anamnetische Kultur). Meine Sprachkomposition (2000) mit Zitaten aus diesem Buch ist leider nie ganz fertig geworden.

Es ist die faktische Erfahrung, daß Menschen, die solidarisch zu handeln versucht haben, denen man also eigene Lebensmöglichkeiten verdankt, vernichtet wurden. (S 311)

Der Prüfstein der Gerechtigkeit sind bestimmte sozial benachteiligte Gruppen wie Witwen, Waisen, Verarmte oder Schutzbürger fremder Nationalität: “Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen … Du sollst dich daran erinnern, daß du Sklave gewesen bist in Ägypten … Die “soziale” Dimension der prophetischen Verkündigung ist nicht sekundär. Kultkritik und Sozialkritik entsprechen sich. (Grund- und Grenzerfahrungen kommunikativen Handelns in der jüdisch-christlichen Tradition, S 319)

Diesmal werde ich die Abschnitte über die Grenzen des Formalisierens und die Grenzprobleme der kybernetischen Systemtheorie neu lesen. Und ich muss (an meinen Unterstreichungen) erkennen, dass ich über die Grundlagenprobleme der Mathematik, der Logik und der Programmierung in dieser theologischen Dissertation mehr gelernt habe als im eigentlichen Fachstudium Mathematik.

Das Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich für die theoretischen Grundlagen der Sozialwissenschaften interessieren bzw. für die theoretischen Grundlagen der Theologie. Und all jenen, die sich nicht vorstellen können, dass auch Theologie redlich wissenschaftlich betrieben werden kann. Nur für Theoriewillige!