Artikel mit ‘Gedenken’ getagged

Befreiungsfeier Mauthausen 2010

Sonntag, 09. Mai 2010

Etwa 10.000 Teilnehmer/innen, darunter etliche ehemalige Häftlinge aus vielen europäischen Ländern, haben heute an der Befreiungsfeier in Mauthausen teilgenommen. Ein überproportionaler Anteil an Intellektuellen, Künstler/innen und engagierten Menschen wurde in die Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet. Das Potential dieser Menschen fehlt in der europäischen Kunst und Kultur.

Das heurige Gedenken galt besonders den vielen Kindern und Jugendlichen, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

Passion. Kunst. Theologie

Sonntag, 04. April 2010

In der Vor-Osterzeit häufen sich Angebote hochwertiger religiöser Kunst. Ich habe unter anderem eine Aufführung von Gunter Waldeks Stabat Mater im Alten Dom in Linz erlebt. Neben Texten aus der Passionsgeschichte werden in dieser Komposition Texte von Nelly Sachs, Oda Schaefer, Christine Lavant, Giaconda Belli, Ingeborg Bachmann, Else Lasker-Schüler und Christine Busta verklanglicht.

Ich bin durchaus davon überzeugt, dass die Menschen … sich von der Thematik der Passion berühren lassen … vielleicht nicht unbedingt in einem religiösen Sinne, aber zumindest auf einer spirituellen Ebene. (Gunter Waldek)

Sakrale Kunst beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit zentralen Fragen der menschlichen Existenz. Die existentielle Betroffenheit der KomponistInnen hat die Musik und ihre Entwicklung massiv beeinflusst. Musik und Bildende Kunst wären ohne diese spirituellen Werke ein großes Stück ärmer.

Neben der sozialen Dimension der christlichen Religiosität ist es für mich besonders die religiöse Kunst, wofür es sich lohnt, Glaube und Religion (und damit auch Kirche) trotz aller Mängel auf der Ebene der Hierarchie nicht abzuschreiben.

Gunter Waldek, Bild: Bruckneruniversität

Gunter Waldek, Bild: Bruckneruniversität

Über den Faschismus lernen?

Sonntag, 07. März 2010

Zwei Themen dieser Woche haben mich beschäftigt. Sie spielen in der gleichen Zeit, den späten 60er und frühen 70er Jahren.

Die aktuellen Berichte über sexuellen Missbrauch in katholischen Schulen in Deutschland sind erschütternd. Es wird von systematischen sexuellen Vergehen berichtet, quasi bestellt nach Stundenplan, vermischt mit autoritärer körperlicher Gewalt. Unsagbar widerlich. Ich erinnere mich an meine eigene Zeit 1969-1973 als 10-14-Jähriger in einem katholischen Internat.

Die Bundespräsidentschafts-Kandidatin Barbara Rosenkranz von der FPÖ hat Probleme, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Sie argumentiert mit ihrer mangelnden schulischen Bildung in den 60er und 70er Jahren.  Das führt mich wieder ins Internat, zum Geschichte-Unterricht. Ich reflektiere mein eigenes historisches Lernen:

Inhaltlich sind wir (1973) bis zu Besuch Nixons in China 1972 gekommen. Als Präfekt eines Internatsjahrgangs las uns der Geschichtelehrer täglich – in Fortsetzung – aus historischen Büchern vor, ich erinnere mich an einen Roman über die französische Revolution. Jährlich zum Nationalfeiertag hielt er als Historiker des Stifts eine Rede, die die politischen Verwerfungen in Europa seit und nach dem Faschismus zum Inhalt hatte. Die Plädoyers für Freiheit und Demokratie standen in Zusammenhang mit dem Engagement für ein befreundetes Kloster in Polen und haben mich zutiefst bewegt.

Wir haben im Unterricht auch etwas über den Nationalsozialismus gelernt, wenn auch nicht so ausführlich, wie das heute der Fall ist. Meine Erinnerung daran ist überlagert von meiner späteren Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Ich durfte Zeitzeugen kennen lernen, beispielsweise Freya von Moltke in Berlin bei einem Seminar über den Widerstand im Nationalsozialismus. Sie war mit ihrem Mann Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945), der 1945 hingerichtet wurde, im Widerstand gegen Hitler.

Seit ich im Mühlviertel lebe (1986), besuche ich mit meiner Familie die jährliche Befreiungsfeier im ehemaligen KZ Mauthausen. Ich habe in Israel die Gedenkstätte Yad Vashem besucht und viele Bücher gelesen.

Wir haben die Freiheit, dazu zu lernen. Es gibt keinen Grund, sich auf das Schulwissen der 60er-Jahre auszureden, wenn es um die Frage der Einstellung zum Nazionalsozialismus geht. Wenn das eine Bundespräsidentschafts-Kandidatin trotzdem macht, drückt sie damit aus, dass sie entweder einfältig ist und/oder mit dem Nazionalsozialismus sympathisiert. Unsagbar widerlich.

Befreiungsfeier in Mauthausen, Mai 2009

Befreiungsfeier in Mauthausen, Mai 2009

Sie wollten eh nur provozieren

Mittwoch, 13. Mai 2009

Während der Befreiungsfeier des KZ-Mauthausen am 10. Mai 2009 kam es im ehemaligen Konzentrationslager Ebensee zu einer Neonazi-Provokation. Schwarzgekleidete vermummte Personen haben die Teilnehmer/innen der Feier – unter ihnen Überlebende des Konzentrationslagers – mit Sieg-Heil-Rufen und Hitlergruß belästigt und mit Softguns auf die Besuchergruppe geschossen.

Die Exekutive hat offenbar nicht eingegriffen, war vielleicht gar nicht anwesend. Vielleicht war sie noch erschöpft von der Polizeiaktion gegen nicht-vermummte linke Jugendliche am 1. Mai in Linz. Möglicherweise aber ist die Exekutive am rechten Auge blind.

Die ersten Reaktionen des offiziellen Österreich waren entlarvend: Die Jugendlichen wollten nur provozieren (Sicherheitsdirektor Alois Lißl), die Sache könnte dem Tourismus schaden (ein österreichischer Minister), das sei das Ergebnis gegenseitigen Aufschaukelns (Innenministerin Maria Fekter, wer bitte, ist da die Gegenseite?).

Die Schule müsse die Nazi-Zeit im Fach politische Bildung stärker behandeln, war eine der Schlussfolgerungen. Nun kann ich mir keine Schule vorstellen, in der dieses Thema heute nicht entsprechend behandelt wird. In der Schule ist es oft schon zu spät: Eine Haltung der Empathie, des Einfühlens in die Thematik, in die Opfer, lernen die Kinder im Elternhaus. Information alleine ist zu wenig. Mit 16 Jahren ist man nicht mehr so naiv, mit Hitlergruß und Uniform zu grüßen. Woher kennt man als Kind den Hitlergruß? Inwieweit sind Eltern für 14-16-Jährige strafrechtlich noch mitverantwortlich?

Die beiden größeren Parteien wetteifern um die Stimmen der Rechten. Sie haben vergessen, dass auch ihre Verteter/innen letztlich im KZ gelandet sind. Ein Parlamentarier mit Nähe zur rechtsextremen Szene wird 3. Nationalratspräsident, nahezu 30% der Wähler/innen wählen rechte Parteien mit offenen Grenzen zum Rechtsextremismus ohne dass sie das stört (Haider: Ulrichsberg, ordentliche Beschäftigungspolitik; Strache: “Paintball”-Wehrsportübungen). Wen wunderts, wenn Jugendliche daran anknüpfen? Politiker/innen brauchen nachhaltige politische Bildung. Wähler/innen auch.

Ich versetze mich in die Lage der Angegriffenen: Da haben Leute unter härtesten Bedingungen ein KZ zufällig überlebt, stellen sich (alljährlich) der psychisch sehr belastenden Situation des Besuchs “ihres” Lagers und werden dort von Sympathisanten ihrer Folterknechte mit den Symbolen des Naziterrors “begrüßt”. Und das offizielle Österreich wiegelt ab und verharmlost. Na bravo.

Der Musikwissenschafter Daniel Simon, Präsident der Vereinigung französischer Mauthausen-Überlebender

Links

Befreiungsfeier in Mauthausen

Sonntag, 10. Mai 2009

Seit Jahrzehnten nehme ich (mit Familie) an der jährlichen Befreiungsfeier in Mauthausen teil.

Das erste Mal habe ich die Gedenkstätte in Mauthausen im Frühjahr 1986 mit SchülerInnen des BG Hallein besucht. Das war zur Zeit der ersten größeren Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit in Zusammenhang mit der Waldheim-Affäre. Erfahren habe ich vom ehemaligen Konzentrationslager erst zwei, drei Jahre davor: in Berlin (!), beim Besuch eines Seminars des Berliner Bildungszentrums über Widerstand im Nationalsozialismus. In meiner Jugend war das kein Thema, auch nicht in der Schule. Eigentlich ein Wahnsinn.

Damals habe ich auch die Mauthausen-Kantate von Mikis Theodorakis kennen gelernt. Heute wurde sie bei der Feier gesungen.

Die fast jährliche Teilnahme an der Befreiungsfeier hat für mich eine vielschichtige persönliche Bedeutung erhalten: Die emotionale Spannung des Gedenkens an das unglaubliche Leiden und zugleich das Feiern der Befreiung der Überlebenden, und dass der Faschismus nicht gesiegt hat; mich berührt die Teilnahme überlebender Häftlinge, die ihrer ermordeten LeidensgenossInnen gedenken und ihre eigene Befreiung feiern. Jedes Jahr wird beim Einzug der Delegationen erwähnt, wie viele Häftlinge aus den einzelnen Ländern ermordet wurden und jedes Jahr ist es gleich unerträglich. Die Internationalität der Opfer des faschistischen Terrors hat die Internationalität der Feiernden zur Folge.

Die israelische Delegation

Die israelische Delegation

Meine Beschäftigung mit Nationalsozialismus, Widerstand und Konzentrationslager hat mich zu einer größeren Empathie geführt: Bei unserer Kanada-Reise 1992 waren wir bei einer Frau zu Gast. Am Abend hat sie uns gefragt, ob wir mit ihr über den Nationalsozialismus und die wieder steigende Fremdenfeindlichkeit in Österreich sprechen können. Sie erzählte, dass ihre Mutter als Jüdin noch rechtzeitig vor den Nazis fliehen konnte. Das Trauma der Flucht und Vertreibung war in der Familie noch präsent. Wir waren die ersten Gesprächspartner aus einem Täter-Land.

Inzwischen habe ich einen Schwager in Israel, der als Jugendlicher Ausschwitz überlebt hat. Meinen beiden Kindern habe ich die Teilnahme an den Befreiungsfeiern zugemutet. Mein Sohn Nikolai arbeitet zur Zeit als Gedenkdiener in Marzabotto, Italien. Mein Sohn Sebastian hat seinen Zivildienst in der Flüchtlingsbetreuung absolviert. Beide Söhne sind politisch interessiert und engagiert. Jede Generation muss sich Freiheit und Humanität duch politische Wachheit selbst sichern.

Link