Artikel mit ‘Baltikum’ getagged

Baltische Reise: Konstrukte

Mittwoch, 05. August 2009

Gruppenreisen und soziale Konstrukte

Zehn Tage unserer Baltikumreise waren als Radtour mit einer Gruppe geplant. Das Konzept von Wama-Tour ist interessant: Teilstrecken von 40-60km pro Tag werden (individuell) mit dem Fahrrad zurückgelegt, längere Strecken werden mit dem Begleitbus überbrückt. Das Gepäck wird mit dem Bus transportiert. (Siehe auch: Mit WAMA Tour unterwegs im Baltikum)

Unsere gesamte Gruppe bestand aus 12 Personen und zwei Fahrern. Beim ersten Zusammentreffen stellte sich heraus, dass acht Frauen die Reise vermeintlich exklusiv für sich gebucht und sich daher als eigene Gruppe definiert haben. Das anfänglich große Abgrenzungsbedürfnis zeigte sich in minimalem Sozialkontakt zu uns restlichen vier Reisenden. Seitens des Reiseveranstalters wurde diese “Exklusivreise” anders interpretiert: Ein 8-Personen-Tisch und ein 4-Personen-Tisch beim Abendessen und Frühstück in den Hotels, ein Auto mit 8 Personen und eines für 4 Personen. Manche der “Anderen” brauchten ein paar Tage um zu realisieren, dass wir die gleiche Reise gebucht hatten. Wir “anderen” vier – meine Frau Hermine und ich sowie zwei Berlinerinnen – wurden automatisch auch zu einer Gruppe, die konstante Tisch- und Bus-Gemeinschaft führte zu intensiveren persönlichen Gesprächen. Eine interessante Fallstudie zu sozialen Konstrukten: Jede Gruppe machte sich Gedanken über die “Anderen”. Welche der beiden Gruppen die Leute in den Hotels als die “Exklusiven” angesehen haben, haben wir nicht erfahren.

Nach einigen Tagen lockerte sich die strenge Gruppenbildung. Teils wegen des Lagerkollers der größeren Gruppe, teils weil eine Hotelterasse keine räumliche Trennung erlaubte, teils weil allen klar war, dass das Gruppenverhalten etwas merkwürdig war. Schließlich waren (fast?) alle über 50 und höchstinteressante Menschen. Höhepunkt der Gruppenauflösung war eine gemeinsame zweistündige Überfahrt mit einem kleinen Boot. Fazit am letzten Tag im Schanigarten in Vilnius: Schade, dass wir uns nicht schon früher besser kennen gelernt haben.

(M)eine Vorstellung über eine Stadt konstruieren

Gibt es ein gutes Konzept für Stadtführungen? Bei der gebuchten Baltikum-Reise waren Stadtführungen in Tallinn, Riga und Vilnius inkludiert. Sie dauerten jeweils 3-4 (!) Stunden.

Der Führung in Tallinn gingen bereits drei privat verbrachte Tage in Tallin voraus. In dieser Zeit hatten wir längst die Stadt erkundet. In Riga wurden wir durch die Jugendstil-Gegend geführt, der politische Zynismus der Führerin war anfangs interessant, allmählich aber nervig. Die vielen Details über Jugendstilarchitekten waren nicht aufzunehmen und für uns nicht relevant. Die Führung in Vilnius war erträglicher, wahrscheinlich, weil wir sie nicht mehr ernst genommen hatten.

Anstelle der allgemeinen Informationen über Land und Stadt, die in jedem Reiseführer nachzulesen sind, interessieren mich mehr die aktuellen Themen: Was sind die Themen der Stadt heute, welche Konzepte, Ziele, politischen Diskussionen gibt es. Wie geht man mit öffentlichen Raum um, welche Rolle spielt die Jugend, die Kunst. Welche Veranstalter gibt es. Was hat sich in Vilnius durch den Titel Kulturhauptstadt geändert? So kann ich mir meine Vorstellung einer Stadt konstruieren. Ein sinnvoller Bezug zur Stadtgeschichte ergibt sich dadurch automatisch und die Inhalte blieben im Gedächtnis.

Zu all diesen Bereichen erwarte ich mit weitgehend wertfreie Information. Ich erinnere mich an eine Stadtführung in Freistadt, die ich zufällig an der Stelle des Mahnmals für die letzten 11 Opfer des Faschismus “belauscht” habe: Die suggestive Manipulation, dass Sie sicher selbst merken, dass dieses Mahnmal hier nicht her passe, etc. Anstatt die Idee des Mahnmals zur Sprache zu bringen, die Einladung an KünstlerInnen zur Einreichung und insgesamt ein paar Aspekte aus der Zeit um 1945 und danach. Warum es 50 Jahre gebraucht, der Opfer sichtbar zu gedenken. Zur Frage, warum genau dieser Entwurf verwirklicht wurde und warum er zum alten Stadtbild passt, hat die Jury eine ausführliche Erklärung abgegeben, auch darüber könnte man sprechen. Dann kann ich mir eigene Gedanken machen. Eine Stadt soll mir auf verschiedenen Ebenen Anregungen geben, mein Bild der Stadt zu konstruieren.

Fotogalerie: Das Mahnmal in Freistadt

Baltische Reise: Kunst

Mittwoch, 05. August 2009

Neue Architektur in Tallinn

In der estischen Hauptstadt Tallinn spielt moderne Architketur im Stadtzentrum eine Rolle. Die verschiedenartigen Glasflächen führen zu unterschiedlichen grafisch ansprechenden Brechungen und Spiegelungen der Umgebung. Ich vermute, dass das Aufwachsen in solcher Architektur-Umgebung die Intensität der visuellen Wahrnehmung steigern muss. Wird Tallinn in ein paar Jahrzehnten mehr visuelle KünstlerInnen hervorbringen?

Nach 18 Jahren Tätigkeit im Kulturausschuss einer mittelalterlichen Stadt weiß ich um die Spannung von Bewahrung und Moderne im Stadtbild. Nur die alte Architektur museal einzufrieren ist langfristig kein gangbarer Weg. Städte müssen lebendig sein, dass heißt sich verändern können. Entscheidend ist die architektonische Qualität der Erneuerung, das Material Glas scheint gut geeignet.

Das Kunstmuseum in Tallinn

Eindrucksvoll fand ich das Kunstmuseum in Tallinn. Ein junges Land leistet sich ein modernes Museum.

Modell im Glaskasten.

Das KuMu-Modell im Glaskasten

Auf drei Ebenen werden verschiedene Ausstellungen gezeigt: moderne (inter)nationale Kunst, Kunst aus Estland von 1945 bis 1991 und von 1991 bis jetzt, Skulpturen des estischen Künstlers Ülo Õun (1940-1988).

Für mich sind Urlaube interessant, wenn sie eine Mischung aus Natur und Urbanität bieten. Im Urbanen möchte ich sehen, was an moderner Kunst gezeigt wird. Das KuMu hat mir das geboten.

Vilnius 2009 und die Galerie für Zeitgenössische Kunst

In Vilnius suche ich nach Merkmalen der Kulturhauptstadt und finde wenigstens die Galerie für Zeitgenössische Kunst mit ein paar aktuellen Projekten. Die aneinanderreihende Präsentation müßte durch eine ausführliche Reflexion der Kunstprojekte und der KünstlerInnen ergänzt werden, damit Kunstbetrachtung leichter zu einer persönlichen Horizonterweiterung wird. Das fehlt mir aber nicht nur in Vilnius.

Veranstaltungsmäßig ist bezüglich Kulturhauptstadt zur Zeit unseres Besuchs nichts los. Ich muss an Linz09 denken.

Baltische Reise: Politisches

Mittwoch, 05. August 2009

Eine zweiwöchige Baltikum-Reise, davon 10 Tage Radtour, führte uns von Tallinn über Riga nach Vilnius. Einige Aspekte der Reise möchte ich mit den LeserInnen meines Blogs teilen.

Die Last der Geschichte

Zwei B&B-Übernachtungen in Tallinn mit persönlichem Kontakt zur Gastgeberin (Jg. 1939) führten in media res baltica: Die Vater der Gastgeberin wurde bei der sowjetischen Machtübernahme 1940 nach Sibirien deportiert und getötet, weil er hoher Regierungsbeamter des unabhängigen Estland war. Die Gastgeberin – Wirtschaftswissenschafterin und ehemalige Radiomoderatorin – sprach mit uns über ihr Leben, die politische Geschichte und das Problem der Russifizierung zur Sowjetzeit. B&B hat uns diese persönliche Begegnung ermöglicht, die im Hoteltourismus so nicht möglich ist. (Infos auf Wikipedia)

Fotogalerie: Tradition und Gegenwart

Russen und Balten

In Estland und Lettland wurden zur Sowjetzeit russische Industriearbeiter und Militärs angesiedelt: in Lettland leben über 50% Russen. Damit wurde Fakten geschaffen: Die zweite bzw. dritte Generation an Russen lebt gleichsam in einer eigenen Welt, spricht selten die jeweilige Landessprache, schickt ihre Kinder in eigene Schulen, ist aber nicht mehr Teil des Herrschaftsapparats. Auf Dauer hat das enorme soziale Sprengkraft, gerade angesichts der Nachbarschaft zu Russland. Früher war die russische Sprache die gemeinsame Sprache zwischen den Bevölkerungsgruppen, die Jugend heute spricht Englisch.

Natürlich vereinfacht: Das Misstrauen gegenüber den Russen seitens der Balten ist gross, wer für die Ab- bzw. Ausgrenzung verantwortlich ist, ist von außen schwer zu sagen. Ein Gespräch mit einer jungen Russin bringt Aufschlüsse über eine russische Sicht: erstaunliche Ahnungslosigkeit über den Konflikt und die eigene Situation; die Landessprache sei zu schwer zu lernen.

Für das langfristige zufriedenstellende Zusammenleben der beiden Bevölkerungsgruppen ist entsprechende Begegnungs- und Friedensarbeit nötig: Öffnung bei Kulturinitiativen, sprachübergreifende gemeinsame Schulen, Spielprojekte für Kinder, offensive politische Disukussion über die politische Geschichte und über Teilhabe am öffentlichen Leben. Was es davon bereits gibt, ist für uns nicht erkennbar, dass es zuwenig davon gibt, allerdings schon.

Fotogalerie: Begegnung im Kaufhaus