Archiv für die Kategorie ‘Mein Wort zum Sonntag’

Das Rosenkranz-Gebet

Sonntag, 21. März 2010

Am Ende meines Theologie-Studiums (1984) musste ich ein Praktikum in einer Pfarre absolvieren. Zum Kennenlernen der pastoralen und administrativen Arbeit in einer Pfarre.

Ich war zur Mitfeier bei einer Taufe eingeteilt. Beim anschließenden Taufmahl der offenbar kirchenfernen Taufgesellschaft sprach der etwa 10jährige Sohn Wolf ganz selbstverständlich vom Führer und dem bevorstehenden Geburtstag des Führers. Der hübschen germanischen Mutter war’s peinlich, der mannhafte Vater grinste gleichzeitig frech (mir gegenüber) und gütig (dem Wolf gegenüber). Ja Herr Theologe, so sind wir; zwar kirchenfern, aber heimat- und volkstreu. Deutsch, national und sozialistisch. Das hat er nicht gesagt, aber wohl gedacht. Geheimnis des Glaubens.

Der fortschrittlichste Pfarrer der Stadt war beim Essen gar nicht mehr dabei und sagte mir nachher, ich sollte ruhig erleben, womit man als Pfarrer auch konfrontiert ist. Er hatte damals keine Wahl. Wir haben sie jetzt.

Katholischer Missbrauch, verweigerte Reformen, persönliches Erleben

Sonntag, 21. März 2010

Ein paar Zitate aus Online-Medien über die Missbrauchsgeschichten in der römisch-katholischen Kirche und die mangelhaften Reaktionen. Die Zitate betreffen einerseites die nach wie vor verweigerten Reformen rund um den Themenkomplex Sexualität und Herrschaft sowie mein eigenes persönliches Erleben als Ex-Kremsmünsterer.

Der unheilige Zölibat …

Warum nennt der Papst den angeblich “heiligen” Zölibat noch immer ein “kostbares Geschenk” und ignoriert die biblische Botschaft, die allen Amtsträgern ausdrücklich die Ehe erlaubt? Der Zölibat “ist nicht “heilig”, nicht einmal “selig”; er ist eher “unselig”, insofern er zahllose gute Kandidaten vom Priestertum ausschließt und Scharen heiratswilliger Priester aus dem Amt vertrieben hat.

Das Zölibatsgesetz ist keine Glaubenswahrheit, sondern ein Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert, das bereits auf den Einspruch der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hin hätte aufgehoben werden sollen.

aus: Ratzingers Verantwortung, 17.03.2010, Ein Gastbeitrag von Hans Küng, Süddeutsche Zeitung

Der Alt-Kremsmünsterer Guido Tiefenthaler beschreibt letztlich auch meine persönliche Betroffenheit, die noch so schmerzlich wie nach 37 Jahren aufgebrochen ist. Ich hätte nie damit gerechnet, dass mich diese Sache noch einmal so emotional betreffen würde.

Es ist unfassbar – am allermeisten für mich selbst: Aber erst durch die Aussagen meines ehemaligen S. in den OÖN Klassenkollegen wurde es mir möglich, „Kremsmünster” (Internat, aber auch Schule – die Präfekte waren ja auch Lehrer) so zu sehen, wie es (für mich) wirklich war: Ein System, das Kinder brach und zum Funktionieren brachte – und barmherzig zu Sadisten war. Ein System, aus dem es für zehn bis vierzehnjährige Kinder kaum ein Ausbrechen gab: Die Präfekten waren teilweise zugleich Lehrer, Chorleiter, Jungscharleiter und Beichtväter.

aus: Kremsmünster: Keine Barmherzigkeit für die Peiniger, von Guido Tiefenthaler  |  derstandard, 17. März 2010

Meine persönliche Strategie folgte einer einfachen Beobachtung: Die Lieblinge der Präfekten waren auch jene, die missbraucht und/oder geschlagen wurden. Ich habe mich also bemüht, nicht besonders aufzufallen. Im Nachhinein betrachtet habe ich diese vier Jahre ohne persönliche Geborgenheitsbeziehung zu Erwachsenen verbracht, abgesehen von den Eltern, die alle 2-3 Wochen für ein paar Stunden besucht werden konnten. Die Freundschaften zu gleichaltrigen und auch älteren Schülern haben in meinem Fall allerdings gut funktioniert.

Die kranke Doppelmoral, was die ausgelebte verbotene Sexualität betrifft:

Verlogener geht es wohl nicht. Jahrzehnte lang werden pädophile Pfarrer, sobald sie überführt wurden, einfach nur versetzt – um woanders ihr Unwesen zu treiben. Heterosexuelle Beziehungen mit Priestern werden samt der daraus entstehenden Kinder entweder verheimlicht – oder man outet sich und fliegt mit Trara aus allen Ämtern und bekommt – zumindest beruflich – die Füße nicht mehr auf den Boden. …

Die Strukturen, die solche Straftaten und ein solches hierarchisches Machtgefüge ermöglichen, gehören aufgeweicht, verändert. Und es geschieht nichts.

aus: Ein Offener Brief an den Papst, von Klaus Thaler (Lehrer im Stiftsgymnasium Kremsmünster) |  derstandard, 17. März 2010

Der strukturelle Zusammenhang zum Zölibat, der umso stärker geleugnet wird, umso höher ein Mann in der Kirchenhierarchie steht:

Nicht zu bestreiten ist zwar, dass solcher Missbrauch auch in Familien, Schulen, Vereinen und auch in Kirchen ohne Zölibatsgesetz vorkommt. Aber warum massenhaft gerade in der von Zölibatären geleiteten katholischen Kirche? Selbstverständlich ist nicht allein der Zölibat Schuld an diesen Verfehlungen. Aber er ist der strukturell wichtigste Ausdruck einer verkrampften Einstellung der katholischen Kirchenleitung zur Sexualität, wie dies auch in der Frage der Empfängnisverhütung und anderem zum Ausdruck kommt.

aus: Schafft das Zölibatsgesetz ab!, von Hans Küng | derstandard, 26. Februar 2010

Das Ende der heiligen Herrschaft

Montag, 15. März 2010

Noch ein Wort zu den strukturellen Missbräuchen in der römisch katholischen Kirche. Dem Lavieren der offiziellen Kirchenvertreter muss ich etwas entgegensetzen. Bischöfe und Kardinäle: Spart euch die verbalen Entschuldigungen und die gezeigte Betroffenheit, die einzige brauchbare Konsequenz ist Handeln:

1. Ab sofortiger Verzicht auf innerkirchliche Machtausübung auf allen Ebenen. Das bedeutet unter anderem: Der Vatikan mischt sich nicht mehr in diözesane Angelegenheiten wie Bischofsernennungen und lokalkirchliche Diskussionen ein. Der Vatikan verzichtet auf Maßregelung von Theologen nimmt die Maßregelungen der letzten Jahrzehnte zurück. Die Bischöfe mischen sich beispielsweise nicht mehr in die Besetzung von Dechanten oder Angelegenheiten der Pfarren ein. Bischöfe werden ausnahmslos in Übereinstimmung mit den Gläubigen vor Ort gewählt.

2. Ab sofortige Einberufung eines erweiterten Konzils, das in Kollegialität die entsprechenden strukturellen Maßnahmen und deren Umsetzung diskutiert und beschließt. Es geht um die Fragen der Gewaltenteilung und transparenter subsidiärer Entscheidungsprozesse. Zu diesem Konzil werden auch jene TheologInnen eingeladen, die in den letzten Jahrzehnten gemaßregelt oder ruhig gestellt wurden, ebenso VertreterInnen der katholischen Laienorganisationen (insbesondere Frauen)  und der Organisation Priester ohne Amt (verheiratete Ex-Priester).

3. Ende der pathologischen Fixierung auf die Sexualität als zentralen Inhalt der christlichen Botschaft. Damit verbunden sind das Ende der Abwertung der Frau und Aufhebung der Verpflichtung zum Zölibat für alle Priester und Öffnung aller kirchlichen Ämter für Frauen und Verheiratete. Rehabilitierung der verheirateten Priester mit einer Einladung, wieder als Priester zu arbeiten, soweit sie das noch wollen.

Nicht dass ich glaube, die Verteter der Hierarchie (=heilige Herrschaft) sind in der Lage, in diese Richtung zu denken und zu handeln. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Bild: dpa

Autoritäre und sexuelle Kirchen-Gewalt

Sonntag, 14. März 2010

Die Veröffentlichung des Missbrauchs an Gewalt und Sexualität im Stift Kremsmünster hat mich nach Jahrzehnten an meine dort verbrachten Jahre erinnert. Ich frage mich, warum mich das noch so aufwühlt, da ich ja von sexuellem Missbrauch verschont blieb. Der “andere” Zorn eines Altkremsmünsterers von Josef Christian Aigner im heutigen Standard hat mir die Augen geöffnet. Es war auch die ständige Angst vor der sadistischen Gewalt. Dazu kommt der Zorn auf die Art der Reaktion der heutigen Kirchenvertreter: Herr Kardinal, die Kirche hat strukturellen Handlungsbedarf, halbherzige Entschuldigungen sind unbrauchbar. Ich zitiere diesmal etwas ausführlicher:

… Dinge wie sadistische Strafpraktiken, Trommelfellverletzungen durch Ohrfeigen, büschelweise ausgerissene Haare, schwärzeste Pädagogik also, Einer-für-alle-Strafen und alles, “was Gott verboten hat” – zumindest seit der Aufklärung. All das habe ich in Kremsmünster auch erlebt. Und diese Praktiken entstammen derselben Quelle wie die sexuellen Übergriffe: einem veralteten, menschenfeindlichen System von Autorität und Unterwerfung, von Vertuschen und Verleugnen, wie es in Teilen kirchlicher Organisationen zumindest bis damals an der Tagesordnung war. Die fast ausschließliche moralistische Besinnung auf den verdammten (!) Sex ist indirekt auch ein Vergessen jener Opfer, denen nicht sexuell nahegetreten wurde und die dennoch schlimme Dinge hinnehmen mussten. …

Die eigentlichen “Urheber” der Misere aber sind jene kirchlichen Würdenträger bis zu jenen nach Rom, die bis heute dieses allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zuwiderlaufende Theater um die menschliche Sexualität, aber auch um Macht, Autorität und Unterwerfung aufrechterhalten und weiter verteidigen. An erster Stelle meine ich hier Bischöfe wie Laun, Küng, Krenn oder Fischer, von denen ich im Rahmen der Diskussionen um die Sexualerziehung schon vor Jahrzehnten teilweise haarsträubende Dinge und menschenfeindliche Ansichten gehört habe. Aber auch ein Kardinal Schönborn ist mit gemeint, wenn er etwa die “68-er Karte” aus dem Hut zieht, als ob eine Bewegung zur Abschaffung der schlimmsten angsteinflößenden Repressalien gegen sexuelles Erleben und gegen autoritäre Anmaßungen Schuld an den Auswüchsen genau dieses repressiven Systems sein soll!?

Der “andere” Zorn eines Altkremsmünsterers

Josef Christian Aigner/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010). Josef C. Aigner ist Erziehungswissenschafter und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Innsbruck.

Kein persönliches Problem, sondern ein strukturelles. 4 von 6 Patres, mit denen ich im Internat zu tun hatte, gehören zu den Tätern. Das ist keine Minderheit, das sind keine Einzelfälle. Das ist eine Konsequenz des autoritären patriarchalischen Systems.

Die römisch katholische Kirche ist das Symbol für diese autoritären Systeme. Sie argumentiert – natürlich wirr und verbogen  – mit Hilfe der höchsten Instanz die Legitimität solcher Systeme.

Hier geht’s um das zugrunde liegende Menschen- und Gesellschaftsbild. Das ist keine katholische Spezialität, aber etwas, das die kath. Kirche mit Zähnen und Klauen verteidigt. Christoph Baumgarten, permalink, 13.03.2010 07:37 Posting auf standard.at zu Josef Aigners Artikel.

Erziehung in einer engen, autoritären (Männer-)Institution ist per se skandalanfällig. (Die Struktur des Missbrauchs, rau/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010).

Ich erweitere: Kirche als autoritäre (Männer-)Institution ist per se skandalanfällig.

Good church – bad church

Freitag, 12. März 2010

Das globale Finanzsystem wird von einer Weltsicht dominiert, die anderswo schon überholt ist.

Es fehlt der aufklärende, korrigierende Einfluss unabhängiger Stimmen bei der Risikobewertung. (DieZEIT, Neue Wächter für die Banken, 9.3.2010, in Zusammenhang mit der Finanzkrise)

Beide Aussagen über das Finanzsystems gelten auch für die römisch katholische Kirche. Wenn Kardinal Schönborn angesichts der Flut an Vorwürfen über sexuellen Missbrauch durch Kirchenleute jetzt selbst den Zölibat zur Diskussion stellt, so greift das längst zu kurz.

Das Hauptproblem sind die autoritären Führerstrukturen, die eine Kritik und Korrektur der Hierarchie und der kirchlich-religiösen Autorität verhindern. Das  kranke Verhältnis vieler Kirchenmänner zur Sexualität ist eine weitere Facette der Tatsache, dass die Kirche “nicht von dieser Welt” ist. Beides hängt miteinander zusammen: Der Gebrauch von religiöser Autorität ermöglicht den sexuellen Missbrauch, der offizielle Umgang mit Sexualität zieht sexuell gestörte Charaktere an und fördert das Entstehen sexueller Störungen.

Trotz 2. Vatikanischen Konzils hat sich an der autoritär-zentralistischen kirchlichen Struktur nichts geändert, das Konzil wurde nicht ehrlich und konsequent genug verfolgt, seit Johannes Paul II sogar gezielt gestört.

Für die römisch katholische Kirche sehe ich einen einzigen Ausweg.

  • Es braucht eine Art Gewaltenteilung zwischen den Bereichen Sozial- und Seelsorge, Theologie, Verwaltung sowie eine kirchenrechtlich nachhaltig geklärte Präsenz der kirchlichen Zivilgesellschaft
  • und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Zentrum und Basis (Bischofswahl durch die Gläubigen, Dechantenwahl im Dekanat).
  • Eine radikale Reform des Priesterseins: kein Pflichtzölibat für Weltpriester, Frauenpriestertum, Ende der Fixierung auf die Sexualität als zentralen “Glaubens”inhalt, Ende der Fixierung auf Kleriker.

Das Kardinalskollegium wird seit Johannes Paul II systematisch gleichgeschaltet. Papst Benedikt hat 2001 die strikte Geheimhaltung von Missbrauchsfällen angeordnet.  Der Fisch stinkt vom Kopf. Die Hierarchie ist zu einer Reform der Strukturen nicht in der Lage.

Ich empfehle die Gründung einer bad church, mit einem Großteil der Hierarchie und jenen, die noch nicht in der heutigen Welt angekommen sind, um diese bad church dann kontrolliert in die Bedeutungslosigkeit zu versenken. Aus der verbleibenden good church kann sich dann wieder etwas entwickeln, was sich Kirche nennen darf.