Archiv für die Kategorie ‘Mein Wort zum Sonntag’

Über den Faschismus lernen?

Sonntag, 07. März 2010

Zwei Themen dieser Woche haben mich beschäftigt. Sie spielen in der gleichen Zeit, den späten 60er und frühen 70er Jahren.

Die aktuellen Berichte über sexuellen Missbrauch in katholischen Schulen in Deutschland sind erschütternd. Es wird von systematischen sexuellen Vergehen berichtet, quasi bestellt nach Stundenplan, vermischt mit autoritärer körperlicher Gewalt. Unsagbar widerlich. Ich erinnere mich an meine eigene Zeit 1969-1973 als 10-14-Jähriger in einem katholischen Internat. Glücklicherweise war das, was uns Buben damals komisch vorkam, weit diesseits der Grenzen.

Die Bundespräsidentschafts-Kandidatin Barbara Rosenkranz von der FPÖ hat Probleme, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Sie argumentiert mit ihrer mangelnden schulischen Bildung in den 60er und 70er Jahren. Das führt mich wieder ins Internat, zum Geschichte-Unterricht. Ich reflektiere mein eigenes historisches Lernen:

Inhaltlich sind wir (1973) bis zu Besuch Nixons in China 1972 gekommen. Als Präfekt eines Internatsjahrgangs las uns der Geschichtelehrer täglich – in Fortsetzung – aus historischen Büchern vor, ich erinnere mich an einen Roman über die französische Revolution. Jährlich zum Nationalfeiertag hielt er als Historiker des Stifts eine Rede, die die politischen Verwerfungen in Europa seit und nach dem Faschismus zum Inhalt hatte. Die Plädoyers für Freiheit und Demokratie standen in Zusammenhang mit dem Engagement für ein befreundetes Kloster in Polen und haben mich zutiefst bewegt.

Wir haben im Unterricht auch etwas über den Nationalsozialismus gelernt, wenn auch nicht so ausführlich, wie das heute der Fall ist. Meine Erinnerung daran ist überlagert von meiner späteren Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Ich durfte Zeitzeugen kennen lernen, beispielsweise Freya von Moltke in Berlin bei einem Seminar über den Widerstand im Nationalsozialismus. Sie war mit ihrem Mann Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945), der 1945 hingerichtet wurde, im Widerstand gegen Hitler.

Seit ich im Mühlviertel lebe (1986), besuche ich mit meiner Familie die jährliche Befreiungsfeier im ehemaligen KZ Mauthausen. Ich habe in Israel die Gedenkstätte Yad Vashem besucht und viele Bücher gelesen.

Wir haben die Freiheit, dazu zu lernen. Es gibt keinen Grund, sich auf das Schulwissen der 60er-Jahre auszureden, wenn es um die Frage der Einstellung zum Nazionalsozialismus geht. Wenn das eine Bundespräsidentschafts-Kandidatin trotzdem macht, drückt sie damit aus, dass sie entweder einfältig ist und/oder mit dem Nazionalsozialismus sympathisiert. Unsagbar widerlich.

Befreiungsfeier in Mauthausen, Mai 2009

Befreiungsfeier in Mauthausen, Mai 2009

Eine Karikatur christlichen Glaubens

Sonntag, 07. Februar 2010

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, manche Vorgänge in der katholischen Kirche nicht mehr zu kommentieren. Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Aber es muss raus: Der Glaube, dass das Erdbeben in Haiti eine Strafe Gottes für den Voodoo-Kult sei, ist einfach zu lächerlich. Eine Karikatur des christlichen Glaubens. Und dieser kleingläubige Amtsträger missachtet hier ganz bewusst in der Hybris der Frommen das zweite Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich bereits über die theologische Einfalt dieses Möchtegern-Bischofs geschrieben:

… dann kann ich auch getrost jeden theologischen Unsinn verzapfen, kann ich ein Unglück als Strafe Gottes deuten ohne dabei rot zu werden, ohne mich zu schämen …
in: Über das Abprallen von Kritik

Diese kleingläubige Haltung mag magischem und esoterischem Denken entsprechen, will Angst vor Strafe machen, aber christlich ist sie nicht. Auch mit dem Alten Testament des Judentums kann man diese Haltung nicht rechtfertigen. Dazu die Erinnerung an zwei alttestamentarische Geschichten:

Der Prophet Jona ärgert sich, dass Jahwe die Stadt Ninive nicht zerstören will, wenn zumindest eine Handvoll “Gerechter” zu finden sei. Die wird’s wohl auch – sogar nach Meinung von G.M.Wagner – in Haiti geben!

Das Buch Hiob entlarvt die Vorstellung der frommen Freunde Hiobs von einem Gott, der Hiob für irgendwas bestraft.

Halten wir fest: Die Rede von der Strafe Gottes ist in jüdisch-christlicher Tradition seit Jahrtausenden (!) theologischer Schwachsinn. Kirchenleute, die so denken (und reden) vertreten keine orthodoxe Lehrmeinung, sondern einen magischen Aberglauben.
in: Infantiler Glaube

Amtsträger wie der Genannte sollten eigentlich längst abtreten: Ich versteh’s nicht besser, aber ich stehe einer glaubwürdigen Kirche nicht länger im Weg. Das wär doch was.

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Fremdwörter | Fremdmenschen

Sonntag, 24. Januar 2010

Fremdwörter? Es gibt keine Fremdwörter. Es gibt nur einen Mangel an sprachlichem Aneignungsdrang. (Botho Strauß, Vom Aufenthalt, Hanser Verlag, 2009, S 112)

Wenn man an mehreren Büchern gleichzeitig liest, gibt es interessante Ko-Inzidenzen.

Die Xenophobie, so scheint Herodot [Anmerkung: ca. 450 v.Chr.] zu sagen, ist eine Krankheit der Ängstlichen, jener, die an Minderwertigkeitskomplexen leiden, die vor dem Gedanken zurückschrecken, dass sie sich im Spiegel der Kulturen der Anderen betrachten müssen. (Ryszard Kapuściński, Der Andere, edition suhrkamp, 2008, S 16)

Botho Strauß übertreibt. Fremdwörter sind die Fremden unter den Wörtern, die sich nicht ganz assimiliert haben. Das sind jene Wörter, die unsere Sprache bereichern, sie um Aspekte ergänzen, die man in unserer Sprache sonst umständlicher ausdrücken müsste. Diese Fremdwörter rufen uns in Erinnerung, dass es auch andere Sprachen gibt, dass unsere Sprache aus anderen Sprachen entstanden ist, dass Sprache in Bewegung ist.

Herodot schreibt über den Menschen. Über den neugierigen Menschen, der gerne reist.

Er möchte den Anderen kennenlernen, weil er begreift, dass er, um sich selber besser erkennen zu können, die Anderen kennenlernen muss, weil sie der Spiegel sind, in dem wir uns selbst sehen, er weiß, dass er, um sich selbst besser verstehen zu können, die Anderen besser verstehen muss, dass er sich mit ihnen vergleichen, messen, konfrontieren muss. (Ryszard Kapuściński, Der Andere, S 15/16)

Wenn ich die aktuelle Xenophobie in Österreich (in ganz Europa) unter diesem Gesichtspunkt betrachte, dann scheint es, wir haben Angst, uns in diesen Spiegel zu sehen, uns selbst kennen zu lernen.

Was ängstigt uns? Unserer Alltagsrassismus? Unser leichtfertiges politisches Wahlverhalten? Unsere Untertanen-Mentalität? Unsere mangelnden (Deutsch-)Sprachfähigkeiten? Dass wir keine Bücher lesen? Dass wir von unserer zeitgenössischen Kultur nichts verstehen und auch gar nichts wissen wollen?

Zu biblischen Zeiten war der Fremde der Gast. In Analogie zu Botho Strauß: Fremde? Es gibt nur einen mangelnden kulturellen Aneignungsdrang.

Vom Glauben reden

Sonntag, 10. Januar 2010

Wer von seinem Glauben reden kann, hat keinen. (Erwin Chargaff, Czernowitz 1905-2002 New York)

Was feiern wir zu Weihnachten?

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Die Beziehung des Göttlichen zum Irdischen/Menschlichen wurde und wird unterschiedlich gedacht bzw. erlebt. Im Griechentum existiert (verkürzt dargestellt) der Götterhimmel voller Götter mit zutiefst menschlichen Eigenschaften, die mit den Menschen an sich nichts am Hut haben, eifersüchtig ihre eigene Unsterblichkeit hüten und Menschen eher als Objekt der Begierde sehen. Mit dieser Vorstellung vom Göttlichen nimmt man als Mensch die Sphäre des Göttlichen nicht so ernst, entschuldigt eigene Schwächen und hadert mit der eigenen Sterblichkeit.

Oder elitäre bzw. autoritäre Vorstellungen einer Erlösung von oben herab: ein (allmächtiger und allgütiger) Herrscher soll die Welt retten. Dieses Denkkonzept lagert die Verantwortung für die Welt auf Autoritäten aus. Die Geschichte mit einem guten Diktator funktioniert aber nicht. Ähnlich unattraktiv ist für mich die Konstruktion der Unnahbarkeit des Göttlichen.

Die Vorstellung der Inkarnation (Menschwerdung, Fleischwerdung) des Göttlichen in der menschlichen Person Jesu denkt anders: nicht als Herrscher, sondern in armen Bedingungen zur Welt gekommen heißt, auch das Geringfügige, Arme, Unspektakuläre der menschlichen Existenz wertzuschätzen. Die göttliche Beziehung zum Menschen ist im Juden-Christentum keine Herrschaftsbeziehung. Das weitere Leben des Jesus bestätigt diesen Ansatz. Gesellschaftlich elitäre Vorstellungen lassen sich mit diesem Konstrukt nicht legitimieren.

Auch wenn manches historisch nicht gesichert ist, entspricht der Geist der Weihnachtserzählung der herrschaftskritischen religiösen Haltung der jüdischen Propheten und versinnbildlicht eine bestimmte Einstellung gegenüber der menschlichen Existenz und der Beziehung zum Göttlichen. Besser könnte man diese Geschichte nicht erfinden. Das Religiöse läßt sich im ursprünglichen judenchristlichen Sinn nicht für Herrschaft missbrauchen.

So gesehen ist Weihnachten zurecht eines der großen Feste des Christentums. Das real existierende Christentum konnte diesen Anspruch allerdings nicht deutlich genug verwirklichen.

(Fehlendes) Foto: Weihnachten 2009 bei den Mosers. Patrick und Deborah aus Uganda mit Tochter Jemima, unsere Freundin Hatice aus Freistadt, Hermine, Hans, Sebastian und Nikolai.