Archiv für die Kategorie ‘Mein Wort zum Sonntag’

Ein einfacher Landpfarrer

Sonntag, 27. Juni 2010

Ganz schön daneben gegriffen hat der Furche Redakteur Rudolf Mitlöhner in seiner Analyse des Falls Arigona im Furche-Leitartikal vom 17.6.2010 (Nr 24, Seite 1). Neben der demokratiepolitisch befremdlichen Beschuldigung des Anwalts der Familie spricht er von Pfarrer Josef Friedl an “schlichtem Landpfarrer“. Schlicht mit der eindeutigen Konnotation von naiv bzw. einfältig.

Ich erinnere mich an Pfarrer Friedl als meinen Religionslehrer in der Oberstufe im BG Vöcklabruck (Matura 1977). Sein Religionsunterricht war sehr engagiert, zeitgemäß und vor allem intellektuell – also theologisch und philosophisch – auf hohem Niveau. Von schlicht oder einfältig keine Spur. Meine zwei Aufgabenstellungen bei der mündlichen Reifeprüfung geben darüber Auskunft – welches davon ich letztlich damals wählte, weiß ich nicht mehr, außer dass mir die Wahl schwer fiel: “Der Atheismus unter besonderer Berücksichtigung der Position von Jean Paul Sartre” und “Erich Fromm” (damals waren “Haben oder Sein” und “Die Kunst der Liebe” aktuelle Lektüre). Ich frage mich eher, ob Josef Friedl nicht vielleicht aufgrund seiner unbequemen Positionen – sozusagen strafversetzt – als Landpfarrer wirkt.

Pfarrer Friedl hat schlicht eine menschliche und vor allem christliche Handlung gesetzt: ohne ideologische Vorbehalte persönliche Hilfe jenen in seinem Umfeld zu gewähren, die sie gerade benötigen.

Vielleicht sollte Rudolf Mitlöhner einfach ein bisschen besser recherchieren und ein bisschen weniger Verachtung gegenüber jenen ausdrücken, die seiner Meinung in die Quere kommen. Damit er nicht als schlichter Journalist dasteht.

Der müde Papst und die strukturelle Sünde

Sonntag, 18. April 2010

Papst Benedikt XVI. hat sich auf seiner Reise nach Malta zum Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche geäußert. Die Kirche sei “verletzt durch unsere Sünden”, sagte der Pontifex … Jeder Christ sei dazu aufgerufen, mit seinem Glauben die “zahlreichen Bedrohungen gegen die Heiligkeit des menschlichen Lebens” einzudämmen.
“Kirche verletzt durch unsere Sünden”
(derstandard, 18.4.2010)

Na Bravo. Vielleicht sollte Herr Ratzinger von den Befreiungstheologen lernen, die er früher bekämpft hat: Da gibt es in der Kirche die Rede von der strukturellen Sünde, von falschen Strukturen. Diese strukturelle Sünde beschreibt Verhältnisse jenseits der individuellen Schuld. Sie meint im Kontext der Befreiungstheologie vorrangig ungerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen. Im Kontext des Vatikan liegt es nahe, die Heilige Herrschaft und die ganze Haltung zur Sexualität als strukturelle Sünde zu benennen.

Abgesehen von der Individualisierung von Unrecht spielt Ratzinger hier das alte Spiel: Die Kirche ist das Opfer der missbrauchenden Priester. Warum geht sie dann nicht in Beratung und Therapie?

Individuell wird die Schuld, wenn jemand die Möglichkeit bzw. Macht nicht hat, sündhafte Strukturen zu ändern und sie nicht nutzt. Aber vielleicht wartet der Papst auf ein Machtwort Gottes. Ich fürchte, da werden wir noch lange warten müssen.

Die Körperhaltung des Papstes: Verkörperung des Zustands der Kirche?

Der Zorn ist richtig

Sonntag, 18. April 2010

Die ZEIT bringt ein interessantes Interview mit Klaus Mertes, dem Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, der den Missbrauch-Skandal als Erster öffentlich gemacht hat. Zwei Aspekte des Gesprächs möchte ich herausgreifen.

Der Zorn ist richtig. Ein Gespräch mit Pater Klaus Mertes, dem Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Die ZEIT, 15.4.2010.

Mertes: … Es gibt die stellvertretende Übernahme von Schuld. Dass sich jemand als schuldig bekennt, ist doch die entscheidende Voraussetzung für einen Versöhnungsprozess! Wie könnte ich sonst eine Entschuldigung aussprechen?

Diese Schuldübernahme sehe ich etwas differenzierter: Vor einem Schuldbekenntnis muss eine Einsicht der Täter stehen. Ein stellvertretendes Schuldbekenntnis ist weniger hilfreich (für die Opfer) und hat für mich auch einen Hauch von Hybris oder Heuchelei: Die Schuld eines Anderen kann leicht bekannt werden.

Für die Schuld-bekennenden Kirchenvertreter gäbe es genug anderen Schuldanlass in der gleichen Thematik: dass sie bisher nicht gehandelt haben, dass sie den strukturellen Zusammenhang zum Missbrauch religiöser Macht nicht sehen wollen, dass sie blinden Gehorsam gegenüber Päpsten höher stellen als eventuelle Einsicht oder Widerstand, dass sie nicht genug für die Änderung kirchlicher Strukturen tun.

ZEIT: Wenn wir über Macht sprechen: Wo ist in dieser Hinsicht der blinde Fleck der Kirche?

Mertes: Dass sexueller Missbrauch immer der Missbrauch von Macht ist. Das verbindet die sexualisierte Gewalt mit den sadistischen Prügeltaten.

ZEIT: Was wäre ein adäquater Umgang mit kirchlicher Macht?

Mertes: Macht muss der Freiheit dienen, im Sinne des Freiheitsgesetzes vom Sinai (Moses erhielt dort der Überlieferung nach die Zehn Gebote, Anm. d. Red.). Ein Gegenbeispiel dafür wäre: Es steht keinem Menschen zu, einem anderen Menschen in der Autorität Gottes zu sagen, was er zu tun und zu lassen hat.

ZEIT: Das darf auch kein Priester?

Mertes: Auch kein Priester.

ZEIT: Auch kein Papst?

Mertes: Auch kein Papst.

ZEIT: Da fängt der Missbrauch an?

Klar. Da beginnt der Missbrauch. Über den Missbrauch der Gottesrede habe ich schon öfter geschrieben. In der jüdischen Tradition ist das Auftreten gegen den Missbrauch religiöser Macht und Symbole stark verankert, die Geschichte der jüdischen Gotteserfahrung kann als Geschichte der Abkehr von einem autoritären und durch Machthaber missbrauchbaren Gottesverständnis gelesen werden.

Nur eine Kirche, die an dieser Haltung (auch des Jesus von Nazaret) anknüpft, ist mit der modernen Welt kompatibel.

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Schulleiter Klaus Mertes, © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Passion. Kunst. Theologie

Sonntag, 04. April 2010

In der Vor-Osterzeit häufen sich Angebote hochwertiger religiöser Kunst. Ich habe unter anderem eine Aufführung von Gunter Waldeks Stabat Mater im Alten Dom in Linz erlebt. Neben Texten aus der Passionsgeschichte werden in dieser Komposition Texte von Nelly Sachs, Oda Schaefer, Christine Lavant, Giaconda Belli, Ingeborg Bachmann, Else Lasker-Schüler und Christine Busta verklanglicht.

Ich bin durchaus davon überzeugt, dass die Menschen … sich von der Thematik der Passion berühren lassen … vielleicht nicht unbedingt in einem religiösen Sinne, aber zumindest auf einer spirituellen Ebene. (Gunter Waldek)

Sakrale Kunst beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit zentralen Fragen der menschlichen Existenz. Die existentielle Betroffenheit der KomponistInnen hat die Musik und ihre Entwicklung massiv beeinflusst. Musik und Bildende Kunst wären ohne diese spirituellen Werke ein großes Stück ärmer.

Neben der sozialen Dimension der christlichen Religiosität ist es für mich besonders die religiöse Kunst, wofür es sich lohnt, Glaube und Religion (und damit auch Kirche) trotz aller Mängel auf der Ebene der Hierarchie nicht abzuschreiben.

Gunter Waldek, Bild: Bruckneruniversität

Gunter Waldek, Bild: Bruckneruniversität

Kirchenmissbrauch versus Familienmissbrauch

Sonntag, 28. März 2010

Eine merkwürdige Argumentation hat sich in das Beschwichtigungsgetue mancher Kirchenvertreter eingeschlichen: Ja, es hat Missbrauch gegeben, aber viel mehr Missbrauch geschieht in den Familien.

Abgesehen vom Statistik-Problem, dass es eben viel mehr Familien als Patres bzw. Priester gibt, lohnt sich die Frage nach dem Warum des Missbrauchs, nach Strukturen, die Missbrauch begünstigen.

Für die römisch katholische Kirche kann man sagen, dass neben der pathologischen Haltung der Kirchenführung zur Sexualität die hierarchische und autoritäre patriarchale Struktur (sexuellen) Machtmissbrauch begünstigt bzw. herausfordert.

Autoritäre patriarchale Strukturen gab und gibt es auch in Familien. In den letzten Jahrzehnten wurden gegen den Widerstand christlich-konservativer Parteien Herrschafts-Prinzipien wie Autorität, Ehre, Gehorsam und die Geschlechterrollen zunehmend in Frage gestellt. Ein Verdienst der 1968-Bewegung.

Wenn man bedenkt, dass das Familienbild unserer Gesellschaft sehr stark vom Einfluss der römisch katholischen Kirche geprägt war, ist die eingangs beschriebene Argumentation eigentlich eine Zumutung.