Archiv für die Kategorie ‘Kunst- & Kulturportfolio’

Musik & Gedächtnis

Montag, 08. März 2010

Oliver Sacks ist für einige Bücher über Musik und neurologische Probleme bekannt. Er ist Dozent für Literatur und Neurologie. In “Der einarmige Pianist” beschreibt er Menschen, für die Musik nach Hirnverletzung eine besondere Bedeutung erhielt.

Erschütternd und faszinierend, unvorstellbar jedenfalls, beispielsweise die Geschichte des Musikers und Musikwissenschafters Clive nach einer Gehirnkrankheit 1985: Sein Gedächtnis hält nur mehr ein paar Sekunden. Er erlebt fast jeden Augenblick neu, wie vom Koma erwacht und kann sich an nichts erinnern und keinen neuen Erinnerungsstrom aufbauen. Er wundert sich über seine täglichen Tagebucheinträge wie “diesmal endlich wach“, “richtig wach“, “vollständig wach“, “bei Bewusstsein“. Aber er kennt seine Frau und kann alltägliche Tätigkeiten verrichten. Verblüffend ist, dass er seine musikalischen Fähigkeiten erhalten hat. Er kann seinen Chor leiten(!), Klavier- und Orgelstücke auswendig oder vom Blatt nach Noten spielen oder neu einstudieren. Seine künstlerische Qualität ist vollständig erhalten geblieben. Aber lediglich bei der Ausübung von Musik kann er Zeit über eine längere Dauer erleben. Hört er mit dem Musizieren auf, fällt er aus Raum und Zeit wieder heraus und erlebt jeden Augenblick als neu, ohne Verbindung zu Vergangenheit oder Zukunft.

Oliver Sacks, Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. rowohlt, 2008.

Besuch der Art Innsbruck 2010

Dienstag, 23. Februar 2010

Drei Jahre Besuch der Art Innsbruck: Klarerweise ein großer Anteil gleicher Galerien, an manche Werke erinnere ich mich. Es gibt hauptsächlich Malerei, etwas Fotografie, ein bisschen Skulptur, nichts Experimentelles.

Die Ausstellung ist trotzdem anregend, die Anzahl der für mich interessanten Bilder/Objekte nimmt allerdings von Jahr zu Jahr ab. Ich sehe das in Zusammenhang mit meiner wachsenden Erfahrung mit Malerei: Oberflächliches erkenne ich besser, ich entwickle eine genauere Vorstellung von guter bzw. interessanter Malerei. Die Verbindung zeichnerischer und grafischer Elemente mit Acrylmalerei scheint mir eine gute Richtung zu sein. Einzelne Gespräche mit KünstlerInnen über ihre Werke, ihren Stil, ihre Arbeitsweise helfen mir bei der Einschätzung der eigenen künstlerischen Arbeit.

Besonders interessiert haben mich diesmal auch die Preise bzw. die verschiedenen Preiskategorien nach KünstlerInnen und Galerie. Aber darüber schreibe ich jetzt nichts, außer dass ich meine Preise nach oben anpassen und eine Galerie finden muss.

Form braucht Farbe

Samstag, 13. Februar 2010

Aus meinen Experimenten mit Aryl und Collage, angeregt durch einen Kurs bei Gerhard Almbauer an der Kunstfabrik Wien 2009.

Über das Schreiben

Sonntag, 07. Februar 2010

Keine Angst, ich werde kein Schriftsteller. Ich lese gerade ein Buch über das Schreiben. Ich lese es mit Vergnügen und habe vor, es in anderem Zusammenhang umzusetzen: in meiner Fotografie und Medienkunst. Wie, weiß ich noch nicht.

Stephen King*  schreibt lebendig, humorvoll und verständlich über die wesentlichen Werkzeuge des Schreibens. Manche Blickwinkel kenne ich noch nicht (etwa welche grammatikalischen Konstruktionen man vermeiden soll), manche bestätigen meine eigenen Erfahrungen mit dem Schreiben: dass die passive Form (tendenziell) schwach, unsicher und umständlich wirkt, dass man komplizierte Konstruktionen in mehrere Gedanken zerlegen soll, dass Überflüssiges überflüssig ist. Wie Absätze rhythmische Struktur und Tempo bilden.

Mit Stephen King reflektiere ich geschriebene Sprache neu. Und meine verschiedenen Texte werde ich (noch!) klarer formulieren können: meine Beiträge hier auf standpunkte.at, meine Unterrichtsunterlagen, (kommunal)politische Texte, die Beschreibung meiner Kunstprojekte.

* stephenking

Begegnung mit Jeff Wall´s Overpass

Freitag, 22. Januar 2010

Seit einigen Monaten bin ich mit der Lektüre von Michael Fried, Why Photography matters as never before, Yale University Press, 2008, 400 Seiten, beschäftigt. In diesem anspruchsvollem Werk beschreibt der Autor einige Aspekte der Entwicklung der zeitgenössischen Fotografie der letzten 20 Jahre und diskutiert ausführlich unter anderem Jeff Wall (Vancouver) und Thomas Struth (Düsseldorf). Merkmale dieser aktuellen fotografischen Projekte sind die großformatigen Bilder, die für BetrachterInnen der Malerei gleichwertig sein sollen, weiters die Inszenierung von Personen in Analogie zur Malerei und die Spannung zwischen der Malerei und den davor stehenden BetrachterInnen, die das Thema in manchen Projekten sind (beispielsweise Thomas Struth, Museum Photographs).

Bei meinem kürzlichen Besuch im MUMOK in Wien konnte ich das erste Mal eines der besprochenen Werke von Jeff Wall im Original sehen: Jeff Wall, Untitled (Overpass), 2001. Transparency in Lightbox, 214 x 273.5cm. Faszinierend.

Besonders reizvoll war es für mich, (wenigstens annähernd) im Stil von Thomas Struth eine Betrachterin vor diesem Bild mit diesem Bild zu fotografieren. Das Charakteristische von Jeff Wall’s Overpass ist nach Michael Fried, dass sich die Personen – obwohl detailliert inszeniert – antitheatralisch vom Betrachter wegbewegen – in Analogie zu Werken der Malerei des frühen 19. Jahrhunderts (Théodore Géricault, Entrance of the Adelphi Wharf, 1821). In meinem Foto greift die Betrachterin (unbewusst) diese Wegbewegung vom Fotografen auf und tritt damit quasi in die Motivik des Bildes ein.

Jeff Walls Overpass mit Betrachterin in Bewegung, Mumok Wien, Jänner 2010

Jeff Wall, Overpass, mit Betrachterin in Bewegung, Mumok Wien, Jänner 2010

I am thinking, for example, of …  Wall´s first lightbox transparencies, and Jean-Marc Bustamante´s issues concerning the relationship between the photograph and the viewer standing before it became crucial for photography as they had never previously been. (Michael Fried, 2)

… and second, an expectation or, put more strongly, an intention that the photographs in question would be framed and hung on a wall, to be looked at like paintings … rather than merely examined up close – perhaps even held in the hand – by one viewer at a time … (Michael Fried, 14)