Archiv für die Kategorie ‘Kunst- & Kulturportfolio’
Der Schneeflockenforscher
Mittwoch, 23. Juni 2010Jakob Kreutzer ist ein ewiger Grübler. Als Türmer von Freistadt um 1620 bewacht er die Stadt, erlebt eine Zeit voller Umbrüche und hat sich darin zurecht zu finden: Reformation und Gegenreformation, die Bauernaufstände, die (einzige) Eroberung Freistadts, der Dreißigjährige Krieg, die beginnende Wissenschaft mit Erfindungen wie Taschenuhr, Lupe und Mikroskop, die Forscherkollegen Galileo Galilei und Johannes Kepler. Dazu kommen das Leben aus der Handelsstadt Freistadt und ganz persönliche Sorgen wie die Sehnscht nach seiner geliebten Schülerin und seine unendliche höchstgefährliche Eifersucht.
Jakob Kreutzer ist ein bisschen schrullig. Durch seine Sprachlosigkeit spielt sich das Leben in seinen Gedanken ab. Er grübelt und zweifelt, versteigt sich von einer Meinung in das Gegenteil und Augenblicke später wieder in ein anderes Gegenteil. Wie ein Besessener erforscht er Schneeflocken und gewinnt dadurch seine Erkenntnisse über die Welt, die Liebe und das Leben.
Dem Autor Fritz Lehner gelingt es, in diesen 600 Seiten ohne viel Handlung anhand der Hirngespinste des Türmers Fragen zu stellen. Fragen eines Menschen im frühen 17. Jahrhundert. Sind diese Fragen gar die Gedankenwelt des Autors Fritz Lehners, aufgewachsen in einem Haus am Freistädter Hauptplatz mit Bühnenblick auf die Stadt und ihre Bewohner? Oder ist es nicht doch ganz anders? Historisch gut recherchiert, die Hauptfigur als Fiktion, gut eingefühlt in die Gedankenwelt eines Zweiflers in einer Zeit großer Umbrüche. Obwohl in diesen Jahren so viel passiert, ist es ein langsames Buch. Ich habe noch nie ein Buch mit so vielen Fragesätzen gelesen.
- Üppiges Meisterwerk: Der Schneeflockenforscher, Rezension von Sabine Dengscherz
- Fritz Lehner: Der Schneeflockenforscher, Rezension von Carsten Jaehner
- Seifert Verlag: Der Schneeflockenforscher

Abstraktion in Farbe und Form
Freitag, 09. April 2010Angeregt durch einen Kurs an der Kunstfabrik Wien mit Gerhard Almbauer.
Mit einer Hauptfarbe werden Formen gefunden, die an nichts Gegenständliches erinnern. In mehreren Schichten entwickeln sich die Bilder. Nach jeder Schicht wird das Bild auf die Wirkung verschiedener Bereiche analysiert und dann weiter entwickelt. Hell-dunkel-Kontraste schaffen räumliche Tiefe. Kein Bereich soll so dominant sein, dass er die Aufmerksamkeit zu sehr an sich zieht; das Auge soll sich im Bild bewegen können.
Acryl 100×100cm.
Passion. Kunst. Theologie
Sonntag, 04. April 2010In der Vor-Osterzeit häufen sich Angebote hochwertiger religiöser Kunst. Ich habe unter anderem eine Aufführung von Gunter Waldeks Stabat Mater im Alten Dom in Linz erlebt. Neben Texten aus der Passionsgeschichte werden in dieser Komposition Texte von Nelly Sachs, Oda Schaefer, Christine Lavant, Giaconda Belli, Ingeborg Bachmann, Else Lasker-Schüler und Christine Busta verklanglicht.
Ich bin durchaus davon überzeugt, dass die Menschen … sich von der Thematik der Passion berühren lassen … vielleicht nicht unbedingt in einem religiösen Sinne, aber zumindest auf einer spirituellen Ebene. (Gunter Waldek)
Sakrale Kunst beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit zentralen Fragen der menschlichen Existenz. Die existentielle Betroffenheit der KomponistInnen hat die Musik und ihre Entwicklung massiv beeinflusst. Musik und Bildende Kunst wären ohne diese spirituellen Werke ein großes Stück ärmer.
Neben der sozialen Dimension der christlichen Religiosität ist es für mich besonders die religiöse Kunst, wofür es sich lohnt, Glaube und Religion (und damit auch Kirche) trotz aller Mängel auf der Ebene der Hierarchie nicht abzuschreiben.
Musik & Gedächtnis
Montag, 08. März 2010Oliver Sacks ist für einige Bücher über Musik und neurologische Probleme bekannt. Er ist Dozent für Literatur und Neurologie. In “Der einarmige Pianist” beschreibt er Menschen, für die Musik nach Hirnverletzung eine besondere Bedeutung erhielt.
Erschütternd und faszinierend, unvorstellbar jedenfalls, beispielsweise die Geschichte des Musikers und Musikwissenschafters Clive nach einer Gehirnkrankheit 1985: Sein Gedächtnis hält nur mehr ein paar Sekunden. Er erlebt fast jeden Augenblick neu, wie vom Koma erwacht und kann sich an nichts erinnern und keinen neuen Erinnerungsstrom aufbauen. Er wundert sich über seine täglichen Tagebucheinträge wie “diesmal endlich wach“, “richtig wach“, “vollständig wach“, “bei Bewusstsein“. Aber er kennt seine Frau und kann alltägliche Tätigkeiten verrichten. Verblüffend ist, dass er seine musikalischen Fähigkeiten erhalten hat. Er kann seinen Chor leiten(!), Klavier- und Orgelstücke auswendig oder vom Blatt nach Noten spielen oder neu einstudieren. Seine künstlerische Qualität ist vollständig erhalten geblieben. Aber lediglich bei der Ausübung von Musik kann er Zeit über eine längere Dauer erleben. Hört er mit dem Musizieren auf, fällt er aus Raum und Zeit wieder heraus und erlebt jeden Augenblick als neu, ohne Verbindung zu Vergangenheit oder Zukunft.
Oliver Sacks, Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. rowohlt, 2008.

