Archiv für die Kategorie ‘Bildung’

Konstruktivismus und Standardisierung

Samstag, 13. Februar 2010

Ein einigermaßen aktueller Titel zur Thematik des Lehrens und Lernens* geht davon aus, dass man auf dem Hintergrund systemisch-konstruktivistischer Didaktik und mancher Ergebnisse der Hirnforschung lehren und lernen neu denken muss.

Vielmehr zeigen die Einblicke, die uns die Hirnforschung in diese Systemik gibt, dass die mechanistische Didaktik, die auf Einheit, Inputsteuerung und Standardisierung setzt, immer schon unrealistisch war, … da diese Steuerungen vielfach an dem vorbeizielen, was machbar und erwartbar ist, und vielfach fokussieren sie nicht auf die spezifischen Potenziale und Möglichkeiten der Lernenden. (S 120)

»Abschiedungspunkt« ist unter anderem

Lernen im Gleichschritt (bzw. die Vorstellung von der notwendigen Synchronizität des Lernens), d.h. die Vorstellung, dass die Parallelschaltung von individuellen Lernprozessen (im Klassenverband, im Jahrgang) ein notwendiges universales Muster von Schule zu sein habe. (S 128)

Die Widersprüche haben auch bisher die Anordner im Schulsystem nicht zum Nachdenken gebracht: Sie propagieren offenes Lernen und fordern gleichzeitig die jahrgangweise gemeinsame schriftliche Prüfungen mit gleichen Fragen zur gleichen Zeit. Übrigens ohne irgendeine Art der Reflexion unterschiedlicher Ergebnisse dieser Prüfungen anzustellen.

Angesichts der didaktischen Forschung sehen die verordneten “Reformen” im Schulsystem sehr alt aus.

* Rolf Arnold, Ich lerne, also bin ich. Carl-Auer-Systeme-Verlag, Heidelberg, 2007.

Fremdwörter | Fremdmenschen

Sonntag, 24. Januar 2010

Fremdwörter? Es gibt keine Fremdwörter. Es gibt nur einen Mangel an sprachlichem Aneignungsdrang. (Botho Strauß, Vom Aufenthalt, Hanser Verlag, 2009, S 112)

Wenn man an mehreren Büchern gleichzeitig liest, gibt es interessante Ko-Inzidenzen.

Die Xenophobie, so scheint Herodot [Anmerkung: ca. 450 v.Chr.] zu sagen, ist eine Krankheit der Ängstlichen, jener, die an Minderwertigkeitskomplexen leiden, die vor dem Gedanken zurückschrecken, dass sie sich im Spiegel der Kulturen der Anderen betrachten müssen. (Ryszard Kapuściński, Der Andere, edition suhrkamp, 2008, S 16)

Botho Strauß übertreibt. Fremdwörter sind die Fremden unter den Wörtern, die sich nicht ganz assimiliert haben. Das sind jene Wörter, die unsere Sprache bereichern, sie um Aspekte ergänzen, die man in unserer Sprache sonst umständlicher ausdrücken müsste. Diese Fremdwörter rufen uns in Erinnerung, dass es auch andere Sprachen gibt, dass unsere Sprache aus anderen Sprachen entstanden ist, dass Sprache in Bewegung ist.

Herodot schreibt über den Menschen. Über den neugierigen Menschen, der gerne reist.

Er möchte den Anderen kennenlernen, weil er begreift, dass er, um sich selber besser erkennen zu können, die Anderen kennenlernen muss, weil sie der Spiegel sind, in dem wir uns selbst sehen, er weiß, dass er, um sich selbst besser verstehen zu können, die Anderen besser verstehen muss, dass er sich mit ihnen vergleichen, messen, konfrontieren muss. (Ryszard Kapuściński, Der Andere, S 15/16)

Wenn ich die aktuelle Xenophobie in Österreich (in ganz Europa) unter diesem Gesichtspunkt betrachte, dann scheint es, wir haben Angst, uns in diesen Spiegel zu sehen, uns selbst kennen zu lernen.

Was ängstigt uns? Unserer Alltagsrassismus? Unser leichtfertiges politisches Wahlverhalten? Unsere Untertanen-Mentalität? Unsere mangelnden (Deutsch-)Sprachfähigkeiten? Dass wir keine Bücher lesen? Dass wir von unserer zeitgenössischen Kultur nichts verstehen und auch gar nichts wissen wollen?

Zu biblischen Zeiten war der Fremde der Gast. In Analogie zu Botho Strauß: Fremde? Es gibt nur einen mangelnden kulturellen Aneignungsdrang.

Gendergerechte Sprache?

Samstag, 23. Januar 2010

Ein merkwürdiges Fallbeispiel zum Thema gendergerechte Sprache.

Meine Frau erlebt an der UNI einen Vortrag einer Sozio-Linguistin (Sprachwissenschafterin). Diese spricht von sich immer als Sozio-Linguist (in der männlichen Form) und auf eine diesbezügliche Frage meiner Frau nach dem Vortrag erklärt sie, dass sie das absichtlich macht, weil sie das gendergerechte Sprechen nicht mag. So weit so gut.

Meine Frau erzählt mir daheim, dass sie einen interessanten Vortrag eines Sozio-Linguisten (in der männlichen Form) gehört hat und dieser Sprachwissenschafter viel Erfahrung hat. In mir entsteht logischerweise (und meines Erachtens richtigerweise) das Bild eines männlichen Referenten.

Diese Geschichte zeigt, dass ein Mindestmaß an sprachlicher Differenzierung nowendig ist, um (Gender-)Sachverhalte richtig zu transportieren. Wenn eine Frau von sich spricht oder wenn von nur einer Frau die Rede ist, dann ist einzig die weibliche Form sprachlich richtig. Egal ob der weibliche Sozio-Linguist das so will, ob der weibliche Architekt das so will, ob der weibliche Deutsch-Lehrer das so will, ob der weibliche Chef das so will. Weil man sich sonst nie Wissenschafterinnen, Architektinnen oder Chefinnen vorstellen kann.

Man muss es nicht übertreiben. Aber wenn eine Projektgruppe an der Schule nur aus Schülerinnen besteht, die unter sich von sich in der männlichen Form reden, dann irritiert mich das und ich weise sie (liebevoll) darauf hin. Die (sozial) Begabteren verstehen das.

Noch was: Ich bin der Gender-Beauftragte an unserer Schule. Und ja, sowas gibt es.

Notizen zum Laptop-Unterricht

Mittwoch, 23. Dezember 2009

An meiner Schule (HAK) gibt es etlichen Jahren sogenannte Laptop-Klassen. Schüler/innen wählen gegen Ende der zweiten Klasse HAK im Alter von etwa 15/16 Jahren ihren Ausbildungszweig. Im Zweig Informationstechnologie (Multimedia, Webdesign und Software) entscheiden sich Schüler/innen für den Laptop. Sie erhalten von ihren Eltern einen eigenen Laptop, den sie täglich in den Unterricht mitnehmen, am Tisch haben und damit arbeiten, also hauptsächlich spielen. Die Schule stellt die Infrastruktur zur Verfügung: größere Tische, Netzwerkverkabelung und Stromanschlüsse, Router und WLAN.

Der Unterricht sollte dadurch moderner gestaltet und computergestützt ablaufen. In der Praxis sehe ich eine (teils massive) Verschlechterung der Schülerleistungen. Das hat mehrere Gründe.

Wir Lehrer/innen haben es verabsäumt, uns systematisch und gemeinsam didaktisch mit dem Computereinsatz zu beschäftigen und die Situation zu reflektieren. Ich habe das von Beginn an eingefordert, wurde aber nicht unterstützt.

Die Motivation von Schüler/innen für diesen Zweig ist zwiespältig. Die Fachrichtung ist inhaltlich (und personell) interessant, kommt Interessen von Jugendlichen entgegen und wird auch von der Wirtschaft mit guten Weiterbildungs- und Jobaussichten empfohlen. Dazu kommt das Argument, von den Eltern einen eigenen Laptop zu erhalten. Eine weitere Schülermotivation ist es, miteinander vernetzt zu sein und jede Menge Spiele zu spielen bzw. im Laptop eine Art institutionalisierter Ablenkung vom Unterrichtsgeschehen zu sehen.

Der Laptop ist nicht, wie manchmal gut gemeint, ein erweiterter Taschenrechner bzw. ein anderes technisches Hilfsmittel. Er ist vor allem ein Hypnose-Kasten, der die Hypnosefunktion des Fernsehgeräts weitaus überragt. Der (permanente) Einsatz von Laptops benötigt daher vor allem willensstarke und ausgeglichene Persönlichkeiten.

Interessanterweise bevölkern die Laptop-Klassen stärker Burschen als Mädchen, überwiegend leistungsschwache Schüler/innen bzw. solche mit einem geringen Grad an Eigenmotivation. In dieser Konstellation ist es äußerst schwierig und mühsam, als Lehrkraft für entsprechende Konzentration zu sorgen.

Diese Problematik ist nicht schulspezifisch, auch an anderen ähnlichen Schulen gibt es vergleichbare Probleme. Lösungsansätze sind etwa Laptop-freie Tage (oft hinderlich für einzelne Unterrichtsstunden, in denen der Laptop konstruktiv genutzt wird) oder Reglements für einzelne besonders schwierige Schüler. Angedacht sind Aufnahmegespräche mit gemeinsamer Bewertung der Reife von Schüler/innen bzw. ein Ranking von begrenzten Plätzen nach Notendurchschnitt. Eine andere Möglichkeit wäre, den Einsatz des Laptops um ein Schuljahr zu verschieben und von der (dann erwiesenen) Leistungsbereitschaft der Schüler/innen abhängig zu machen.

An unserer Schule haben wir jetzt einen Arbeitskreis mit drei Lehrern und drei Schüler/innen eingerichtet, die das Problem und mögliche Lösungen/Maßnahmen miteinander diskutieren. Eine österreichische Lösung?

Besuch im Audimax

Mittwoch, 18. November 2009

Kürzlich konnte ich am Wochenende den besetzten Hörsaal Audimax an der UNI Wien besuchen. Der  Eindruck aus der Ferne (und aus dem Video-Livestream) hat sich bestätigt: eine gute Atmosphäre, alle möglichen engagierten Student/innen, Dutzende Arbeitsgruppen, ernsthaftes Ringen um Positionen. Dass die Forderungen der Student/innen zumindest von einem Teil der Bevölkerung unterstützt werden, zeigt unter anderem die Unterstützung der Volxsküche. Zahlreiche Firmen spenden laufend Lebensmittel, die vom Team der Volxsküche laufend verarbeitet werden. Die gute kulinarische Versorgung leistet sicher einen positiven Beitrag zur Stimmung. Insofern ist die (scherzhaft geäußerte) Ansage, solange genug zum Essen da ist, besetzen wir weiter, durchaus verständlich.

Man kann nur davon träumen, dass in Regierung, Schulverwaltung und in anderen Problemfeldern des öffentlichen Lebens ebenso gut gearbeitet wird. Partnerschaftliches Verhalten, zuhören, abwägen, argumentieren, kein herablassendes Von-oben-herab. Bravo!